Der haptische Tastsinn der Aale

Berühren, Spüren, Erleben

Fische nehmen ihre Umwelt auf viele Arten wahr: durch Geruch, Geschmack, Gehör oder Sehen. Beim Aal kommen jedoch einige Sinne hinzu, die in seiner Eigenart besonders auffallen – unter anderem der haptische Tastsinn. Er ist die Fähigkeit, durch Haut und Körper direkten Kontakt zu empfinden und zu deuten. Was bei anderen Fischen eher eine beiläufige Funktion der Haut ist, wird beim Aal zu einem auffälligen Merkmal seines Verhaltens.

Kontaktsucht

Die Haut als Sinnesorgan

Die Haut des Aales ist mit besonders vielen Sinneszellen und Funktionen ausgestattet. Neben Aufgaben wie Schleimproduktion, Schutz vor Infektionen und Unterstützung beim Atmen übernimmt sie auch die Wahrnehmung mechanischer Reize. Auf den ersten Blick wirkt das wenig spektakulär, schließlich verfügen alle Fische über Berührungsempfindlichkeit. Aber wie so oft beim Aal steckt hinter dem scheinbar Gewöhnlichen eine besondere Eigenheit.

Sinneszellen in der Haut – Wenn Berührung zur Wahrnehmung wird

Die Haut des Aals ist nicht nur eine schützende Hülle, sondern ein empfindliches Sinnesorgan voller spezialisierter Zellen. Diese sogenannten Mechanorezeptoren reagieren auf Druck, Dehnung und selbst feinste Bewegungen des Wassers. Besonders dicht besetzt sind sie an der Körperseite und im Kopfbereich, wo sie ständig Informationen über den Kontakt zur Umgebung liefern. Jede Berührung – ob mit Sand, Steinen, Wurzeln oder Artgenossen – wird sofort registriert und an das Nervensystem weitergeleitet.

Dabei unterscheidet sich der Aal von vielen anderen Fischen durch seine außergewöhnlich hohe Empfindlichkeit. Seine Haut reagiert bereits auf schwächste Reize und vermittelt ihm ein sehr genaues Gefühl für seine Lage im Raum. Diese Fähigkeit hilft ihm nicht nur beim Navigieren in engen Röhren oder Spalten, sondern auch beim Einschätzen von Strömungen und Hindernissen.

Interessanterweise zeigen Untersuchungen, dass der Aal mechanische Reize über mehrere Zelltypen wahrnimmt: Freie Nervenendigungen registrieren leichte Berührungen, während tiefere Drucksensoren selbst länger anhaltenden Kontakt erkennen. In Verbindung mit seiner Seitenlinie – die Wasserbewegungen aus der Ferne spürt – entsteht ein erstaunlich komplexes Bild seiner Umwelt. Der Aal „sieht“ mit der Haut, noch bevor er überhaupt etwas berührt.

Zwanghafter Kontakt – Ein Aal ohne Halt ist kein Aal

Diese Besonderheit betrifft die extreme Kontaktsucht von Aalen während ihrer Ruhephasen. So ist bekannt, dass der Aal im Winter und tagsüber, also immer dann, wenn er nicht auf Nahrungssuche oder Wanderung ist, quasi zwanghaft den Kontakt zur festen materiellen Außenwelt sucht. Das heißt: Er muss zumindest punktuell mit einem Teil der hinteren Körperhälfte direkten Kontakt mit festen Objekten haben. Ohne einen solchen mechanischen Halt kann er nicht zur Ruhe kommen.

Diese Kontaktsucht ist kein Einzelfall, sondern ein grundlegendes Verhaltensmuster. In Aquarien etwa lässt sich regelmäßig beobachten, dass Aale sich nicht nur einfach auf den Boden legen, sondern sich gezielt in enge Felsspalten, Höhlen oder Röhren zurückziehen. Erst dieser direkte Hautkontakt mit der Umwelt ermöglicht es ihnen, in einen Ruhemodus zu wechseln.

Nähe unter Artgenossen – Verknotet und verschlungen

Noch auffälliger wird dieses fast zwanghafte Verhalten im Kontakt zu Artgenossen. Aale suchen nicht nur den Halt an festen Dingen, sondern regelrecht die Nähe zueinander. Selbst wenn genügend Verstecke – etwa Röhren oder Steinspalten – zur Verfügung stehen, liegen oft alle Aale zusammengedrängt in nur einem engen Unterschlupf oder sogar verknotet an einem einzigen Objekt, etwa an Baumwurzeln.

So kann man in großen Aquarien beobachten, dass Aale trotz zahlreicher Versteckmöglichkeiten meist alle zusammengedrängt und zum Teil sogar total verknotet an einer Stelle liegen. Unglaublicher erscheinen aber bestätigte Berichte über Gelbaale, die sich in Mengen von bis zu 30 Tieren vor Querverbauungen zu großen Bündeln von bis zu 1,5 Metern Durchmesser verschlungen haben. Auch Blankaale sollen derartige Knotenkugeln – mit Durchmessern von bis zu 2 Metern – gebildet und sich während der Laichwanderung sogar in dieser Formation stromabwärts treiben lassen haben. Bei jeglichem Angriff, etwa durch Speere oder Fangversuche, lösten sich diese Gebilde jedoch innerhalb weniger Sekunden auf.

Wissenschaftliche Erklärungsansätze

Warum zeigen Aale dieses auffällige Verhalten? Eindeutige Antworten gibt es derzeit nicht. Möglicherweise vermittelt der ständige Körperkontakt Sicherheit, Wärme oder schlicht das Gefühl von Schutz in der Dunkelheit. Ebenso denkbar ist, dass der direkte Hautkontakt mit Artgenossen und Umgebung Energie spart – etwa durch Verringerung von Strömungswiderstand bei der Wanderung oder durch die Reduzierung von Muskelspannung im Ruhezustand.

Interessant ist, dass andere Sinne des Aals – etwa der taktile Ferntastsinn der Seitenlinie – eng mit dem haptischen Tastsinn zusammenwirken. Während die Seitenlinie Schwingungen im Wasser erfasst, liefert die Haut das direkte Feedback durch Berührung. Zusammen entsteht ein feines Netzwerk an Wahrnehmungen, das dem Aal eine präzise Einschätzung seiner Umgebung ermöglicht.

Verhalten am Angelgewässer

Für Angler ist dieses Wissen nicht ganz ohne Bedeutung. Aale suchen nachts gezielt engen Kontakt zum Boden oder zu Strukturen. Wer seine Köder direkt am Grund oder an Objekten wie Wurzeln, Steinpackungen oder Scharkanten anbietet, nutzt genau diesen Drang aus. Zugleich erklärt die Kontaktsucht, warum Aale nach dem Fang oft nicht stillhalten: Ohne Druckkontakt zur Umgebung bleiben sie unruhig und zappeln selbst im Setzkescher oder auf der Abhakmatte.

Empfohlener Beitrag: Der richtige Umgang mit gefangenen Aalen

Fazit

Mehr als nur Hautgefühl – Der haptische Tastsinn der Aale ist weit mehr als eine bloße Nebenfunktion der Haut. Er bestimmt ihr Verhalten in Ruhephasen, erklärt ihre auffällige Kontaktsucht und liefert spannende Einblicke in das soziale Miteinander dieser faszinierenden Fische. Was bei anderen Arten kaum auffällt, wird beim Aal zu einem markanten Wesenszug: Erst durch Berührung und Kontakt findet er Ruhe – und manchmal sogar die Nähe zu seinen Artgenossen.

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