Das Leptocephalusstadium der Aale

Das Weidenblatt der Meere

Nach dem kurzen Leben als Dottersack- und Pre-Leptocephaluslarve beginnt für den jungen Aal das längste und geheimnisvollste Kapitel seiner Reise: das Leptocephalusstadium, auch bekannt als Weidenblattstadium. Es ist die Zeit des Treibens, des Wanderns – und des Überlebens im offenen Ozean.

Anmerkung: Die Larve des Europäischen Aals nennt sich vollständig als „Leptocephalus breviostris“. Diese Bezeichnung wird i.d.R. hier aber nicht verwenden.

Vom winzigen Wurm zum schwebenden Blatt

Wenn die jungen Aallarven ihren Dottersack vollständig aufgebraucht haben, verwandeln sie sich allmählich in eine neue Form: flach, durchsichtig und blattartig – fast wie ein Stück Seegras, das im Strom gleitet.

Leptocephalus Stadien

Ihr Körper ist nun ideal an das Leben in der Wassersäule angepasst: leicht, biegsam und so durchsichtig, dass er kaum sichtbar ist.
In dieser Phase ernähren sich die Larven von winzigen Partikeln, dem sogenannten marinen Schneepulver – eine schwebende Mischung aus abgestorbenem Plankton, Algenresten und feinstem organischen Staub.

Die Körperstruktur verändert sich dabei langsam. Innere Organe wie der Verdauungstrakt verlängern sich, Pigmente bilden sich zurück, und der Aal wird zu einer perfekten Larve für das große Treiben im Atlantik.

Eine Reise über den Ozean

Der europäische Aal (Anguilla anguilla) verbringt bis zu ein Jahr in diesem Stadium.
Getragen von den großen Meeresströmungen – insbesondere vom Golfstrom – driftet er aus der Sargassosee über rund 6.000 Kilometer Richtung Europa.
Die Larven schwimmen kaum aktiv; sie lassen sich treiben, nutzen aber geschickt verschiedene Strömungsschichten:

  • Tagsüber halten sie sich oft in 300–600 m Tiefe auf, wo das Licht schwach und die Gefahr durch Fressfeinde gering ist.
  • Nachts steigen sie in wärmere, oberflächennahe Wasserschichten auf – vermutlich, um Nahrung zu finden.

Es ist eine gewaltige Reise, die kaum ein anderes Wirbeltier in dieser Form durchläuft. Nur ein Bruchteil erreicht tatsächlich die europäischen Küsten.

Die geheimnisvolle Metamorphose

Am Rande des Kontinentalschelfs – irgendwo zwischen dem offenen Atlantik und den Küsten Europas – beginnt die große Verwandlung:
Der flache, blattförmige Körper verschwindet. Die Larve rundet sich, Organe ordnen sich neu, Pigmente erscheinen.

Leptocephalus - Glasaal Stadium

Aus dem Leptocephalus wird ein Glasaal – durchsichtig, aber schon mit der Silhouette eines kleinen Aals.
Diese Metamorphose dauert nur wenige Wochen, markiert jedoch den Übergang vom Leben im offenen Meer zum Leben im Süßwasser.

Tag nach dem Schlüpfen (DAH)Körperlänge (mm)Lebensraum / TiefeBesondere MerkmaleÜberlebensrate (ca.)
50 DAH8–10 mm200–400 mVollständig blattförmig, durchsichtig, passives Treiben≈ 8 %
100 DAH12–15 mm300–500 mAktive Nahrungsaufnahme, Beginn erster Pigmentierung≈ 2 %
150 DAH18–20 mm400–600 m (tags) / 70 m (nachts)Langsames Wachstum, Vorbereitung der Metamorphose≈ 1 %
200 DAH25–30 mmRand des KontinentalschelfsÜbergang zum Glasaalstadium, Umwandlung des Körpers< 1 %

Fazit

Das Leptocephalusstadium ist ein Meisterwerk der Anpassung – eine Phase des Wartens und Treibens, des Überdauerns und Verwandelns.
Trotz Satelliten, Tiefsee- und Genforschung bleibt vieles daran rätselhaft.
Vielleicht ist es genau das, was den Aal so besonders macht: Er zeigt, dass selbst im Zeitalter der Daten noch Geheimnisse im Ozean ruhen.

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