„Musik nur, wenn sie laut ist“ – Aale Hören, was kaum hörbar ist
Beim Menschen sind die Ohren ein zentrales Sinnesorgan. Wir orientieren uns an Stimmen, Geräuschen und Klängen. Doch wie ist das eigentlich bei Aalen? Wer einmal beobachtet hat, wie unbeeindruckt Fische in einem Aquarium auf Rufe oder Musik reagieren, fragt sich schnell: Hören sie überhaupt? Und wenn ja – wie? Gerade beim Aal ist die Antwort überraschend. Sein Gehörsinn ist zwar vorhanden, aber er funktioniert ganz anders als bei uns Menschen – und ist dabei gleichzeitig erstaunlich eingeschränkt und raffiniert.
Wie Fische hören – ganz ohne Ohrmuscheln
Die meisten Fische haben weder äußere Ohren noch Trommelfelle. Stattdessen helfen ihnen Resonanzkörper wie die Schwimmblase dabei, Schallwellen im Wasser aufzunehmen. Über winzige Knöchelchen – den sogenannten „Weber’schen Apparat“ – werden die Schwingungen dann an das Innenohr weitergegeben. So können viele Fischarten Geräusche in einem breiten Bereich wahrnehmen.

Doch der Aal bildet hier eine Ausnahme. Er besitzt keinen solchen Apparat. Ihm fehlt damit ein wichtiges „Verstärkersystem“, das vielen anderen Fischen zur Verfügung steht. Was bleibt, ist allein das Innenohr – und das ist nicht besonders leistungsfähig. Verglichen mit uns Menschen hört der Aal nur einen winzigen Bruchteil der möglichen Töne. Während wir einen Bereich von 16 bis 16.000 Hertz abdecken, reagiert der Aal in erster Linie auf sehr tiefe Frequenzen von etwa 200 bis 300 Hertz. Alles darüber hinaus nimmt er kaum wahr. Würde ein Mensch so hören wie ein Aal, wäre er fast vollständig taub.
Hören im Wasser – schwierig für alle Fische
Man könnte nun denken, dass der Aal damit im Nachteil ist. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn auch andere Fische haben es im Wasser nicht leicht, Geräusche zu unterscheiden. Schall breitet sich dort zwar vier- bis fünfmal schneller aus als in der Luft, aber eben auch ganz anders. Wellen werden durch Oberflächen, Strömungen, den Untergrund oder Temperaturschichten gebrochen und reflektiert. Was bei uns ein klarer Ton ist, kommt im Wasser oft nur noch als diffuses Zittern oder Dröhnen an.
Meeressäuger wie Delfine und Wale haben dieses Problem clever gelöst, indem sie ständig ihre Tonhöhe wechseln und so ihre „Botschaften“ durch das Störgeräuschmeer hindurchschicken. Der Aal hingegen braucht solche Tricks nicht, denn er kommuniziert nicht über Laute. Sein Gehörsinn erfüllt bei ihm eine ganz andere Aufgabe.
Wenn Vibrationen wichtiger sind als Töne
Wer schon einmal an die Scheibe eines Aquariums geklopft hat, kennt die typische Reaktion: Die Fische zucken zusammen oder schießen panisch davon. Dabei hören sie die Stimme des Betrachters oft gar nicht. Was sie wahrnehmen, sind die Vibrationen, die sich blitzschnell im Wasser ausbreiten.
Auch der Aal reagiert stark auf solche Reize. Sein Gehörsinn arbeitet hier Hand in Hand mit einem weiteren Sinnesorgan – der Seitenlinie. Diese ermöglicht es ihm, selbst feinste Schwingungen und Bewegungen im Wasser zu registrieren. Für den Aal ist es oft wichtiger, Vibrationen und Druckänderungen wahrzunehmen, als klare Töne zu unterscheiden. Ein leises Rascheln im Wasser, das Zittern einer Beute oder die Bewegung eines Rivalen – all das reicht ihm, um aufmerksam zu werden.
Zwischen Taubheit und Feinfühligkeit
Im Vergleich zu vielen anderen Fischen kann man den Aal beinahe als „schwerhörig“ bezeichnen. Er nimmt nur einen sehr engen Frequenzbereich wahr, oberhalb von etwa 600 Hertz wird sein Hörvermögen immer schwächer. Doch diese scheinbare Schwäche gleicht er mit einer erstaunlichen Sensibilität gegenüber Vibrationen aus. So entgeht ihm im trüben Wasser seines Lebensraums kaum eine Bewegung.
Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen zudem, dass ältere Aale – insbesondere die Blankaal-Phase – etwas empfindlicher reagieren als jüngere Tiere. Möglicherweise hilft ihnen dies auf ihrer langen Wanderung, sich besser zu orientieren.
Verhalten am Gewässer – wenn Aale „mithören“
Besonders für Angler ist es spannend zu wissen, wie empfindlich Aale tatsächlich auf Geräusche reagieren. Lautstarkes Reden oder gar Musik am Ufer wird sie kaum stören – diese Töne dringen im Wasser gar nicht bis zu ihnen durch. Ganz anders sieht es bei Vibrationen aus: Schweres Herumtrampeln auf lehmigen Böden, das Poltern auf Buhnen oder das Verschieben von Steinen überträgt sich direkt ins Wasser. Solche Erschütterungen nehmen Aale sofort wahr – und reagieren oft mit Misstrauen oder Flucht. Wer in der Nacht am Wasser unterwegs ist, sollte daher nicht sprachlich herumpoltern, sondern sich auch möglichst sanft bewegen. Für den Erfolg beim Aalangeln gilt: Stille ist nicht alles – Ruhe auch im Auftreten zählt.
Fazit
Hören anders gedacht
Der Gehörsinn der Aale ist kein präzises Werkzeug wie unser menschliches Ohr. Statt klaren Klängen und weiten Frequenzen nimmt der Aal vor allem tiefe Schwingungen und Vibrationen wahr. Auf den ersten Blick wirkt er damit fast taub. Doch im Zusammenspiel mit seiner hochsensiblen Seitenlinie und anderen Sinnen reicht ihm genau dieses „Hören“ aus, um Beute aufzuspüren, Gefahren zu meiden und sich in seiner Welt zu orientieren.
So zeigt sich: Auch wenn Aale die menschliche Stimme im Wasser nicht hören können – sie sind weit davon entfernt, taub zu sein. Sie hören nur auf ihre eigene, stille Weise.
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