Ein innerer Kompass auf unsichtbaren Pfaden
Manche Rätsel der Natur scheinen so tief verborgen, dass sie sich nur in Bruchstücken zeigen. Eines dieser Rätsel ist der Magnetsinn der Aale – eine Fähigkeit, die sie befähigt, über Tausende von Kilometern hinweg immer wieder ihr Ziel zu finden. Seit Jahrhunderten rätseln Forscher, wie Aale aus europäischen Flüssen den Weg in die entlegene Sargassosee finden, um dort – und nur dort – zu laichen. Erst in den letzten Jahren beginnt man zu verstehen, dass die Antwort in einem unsichtbaren Sinn liegt, der älter ist als der Mensch selbst: dem Magnetsinn.
Der Kompass im Kopf
Aale besitzen, ähnlich wie Zugvögel, Meeresschildkröten oder Lachse, die Fähigkeit, das Magnetfeld der Erde wahrzunehmen. Dieser Sinn hilft ihnen, auf ihren langen Wanderungen durch Meere und Flüsse stets auf Kurs zu bleiben. Besonders junge Glasaale nutzen offenbar einen inneren Kompass, um sich zu orientieren – und um sich die Richtung der Strömung in ihrem Jugendgewässer einzuprägen.
Forscher sammelten für Experimente etwa 200 Glasaale aus unterschiedlichen Flussmündungen mit verschieden ausgerichteten Gezeitenströmungen. Im Labor veränderten sie anschließend gezielt das Magnetfeld, indem sie den magnetischen Norden virtuell „rotieren“ ließen. Das Ergebnis war erstaunlich: Die Aale richteten sich nicht zufällig aus, sondern bevorzugten stets jene Richtung, die ihrer ursprünglichen Gezeitenströmung entsprach.
Diese Beobachtung deutet darauf hin, dass die Fische ein magnetisches Gedächtnis besitzen. Sie merken sich die magnetische Orientierung ihres Jugendhabitats – ähnlich wie Küken von Enten und Gänsen das erste Lebewesen nach dem Schlüpfen prägen. Später, auf ihrer Wanderung zur Sargassosee, könnte ihnen dieses innere Gedächtnis helfen, wieder „nach Hause“ zu finden – nicht zu einem bestimmten Ort, sondern in ein vertrautes magnetisches Muster.
Magnetitkristalle – Bausteine eines natürlichen Kompasses
Wie aber nimmt der Aal Magnetfelder überhaupt wahr?
Lange Zeit blieb das ein Rätsel. Heute geht man davon aus, dass winzige Magnetit-Kristalle in seinem Körper dafür verantwortlich sind. Diese eisenhaltigen Minerale besitzen magnetische Eigenschaften und reagieren auf das Erdmagnetfeld. Sie wurden unter anderem in Bereichen der Seitenlinie nachgewiesen – jenem empfindlichen Sinnesorgan, das auch Druck- und Strömungsänderungen erkennt.
Die Magnetitkristalle wirken dabei wie winzige Kompassnadeln. Bereits kleinste Veränderungen im Magnetfeld oder magnetische Störungen lösen elektrische Signale aus, die über Nervenbahnen an das Gehirn weitergeleitet werden. Aale „fühlen“ also magnetische Richtungen, ohne sie zu sehen. Interessanterweise ähneln die Strukturen, in denen diese Magnetitpartikel eingebettet sind, jenen bei Zugvögeln und Tiefseefischen – allesamt Arten, die weite Wanderungen unternehmen.
Orientierung auf unsichtbaren Linien
Dass Aale ihr Ziel so sicher finden, liegt an der Kombination verschiedener Sinneseindrücke. Während der taktile Ferntastsinn ihnen hilft, Druck- und Strömungsverhältnisse zu spüren, liefert der Magnetsinn eine Art übergeordnetes Koordinatensystem. Zusammen ermöglichen sie eine Orientierung selbst in völliger Dunkelheit und bei tausend Kilometern Distanz.
Beobachtungen von markierten Aalen bestätigen diese erstaunliche Präzision:
In einem Versuch in der Nordsee setzte man gefangene Gelbaale weit entfernt von ihrem ursprünglichen Fangort wieder aus. Die meisten von ihnen – rund 75 Prozent – wurden später genau dort erneut gefangen, wo sie ursprünglich herkamen. Weitere zehn Prozent wurden auf direktem Weg dorthin gefangen. Manche legten dabei über 100 Kilometer zurück, offenbar zielgerichtet und ohne Umwege.
Solche Experimente belegen, dass Aale nicht nur navigieren, sondern auch „heimfinden“ können – selbst dann, wenn sie durch Transport, Ortsverlagerung oder veränderte Magnetfelder kurzzeitig verwirrt werden. Offenbar orientieren sie sich dabei an einer Art magnetischem Fingerabdruck, den sie mit ihrem Ursprungsort verknüpfen.
Wenn Gene den Lebensraum bestimmen
Ein kanadisches Forscherteam der Laval-Universität in Québec hat diese rätselhaften Fähigkeiten durch genetische Untersuchungen weiter erhellt. Der Biologe Sébastien Pavey und seine Kollegen wollten wissen, warum manche amerikanische Aale (Anguilla rostrata) im Brackwasser bleiben, während andere ins Süßwasser aufsteigen – obwohl sie genetisch zur gleichen Art gehören und gemeinsam in der Sargassosee laichen.
Durch das Screening von 45.000 Stellen im Aalgenom fanden sie 331 markante genetische Varianten (SNPs), von denen viele nur in jeweils einem Lebensraum vorkamen: 137 Marker in Süßwasseraalen und 45 in Brackwasseraalen. Die Forscher schlossen daraus, dass Lebensraum und Geschlecht genetisch fixiert sind. Offenbar wird die Entscheidung, ob ein Aal im Brack- oder Süßwasser lebt, bereits durch Veranlagung und elterliche Erbinformation bestimmt.
Das erklärt auch, warum Besatzmaßnahmen mit Glasaalen aus Küstengewässern nur begrenzten Erfolg haben: Viele dieser Aale sind genetisch für das Brackwasser programmiert – und nicht für ein dauerhaftes Leben im Süßwasser. Die genetische Prägung wirkt wie ein innerer „Kompass“, der bestimmt, wo sich der Aal heimisch fühlt und welche Umweltbedingungen er toleriert.
Die evolutionäre Strategie dahinter
Diese genetisch verankerte Raumaufteilung zwischen Rognern (Weibchen) und Milchnern (Männchen) ist vermutlich eine evolutionäre Schutzmaßnahme gegen Inzucht. Da Aale nur einmal im Leben ablaichen, entsteht in der Sargassosee jedes Jahr eine einzige, weitgehend geschlossene Generation. Durch die Trennung der Lebensräume – die Männchen im Brackwasser, die Weibchen im Süßwasser – und ihre unterschiedlichen Wanderzeiten wird verhindert, dass Geschwister derselben Generation sich erneut begegnen und fortpflanzen.
So bleibt die genetische Vielfalt innerhalb der Art erhalten – eine evolutionär brillante Lösung, die über Jahrmillionen funktioniert hat. Der Magnetsinn könnte hierbei eine zusätzliche Rolle spielen: Er sorgt dafür, dass die Tiere trotz getrennter Lebensräume und zeitlicher Abstände dennoch exakt denselben Laichplatz in der Sargassosee finden.
Störfelder im Magnetfeld – Gefahr durch Offshore-Technik
Mit zunehmender technischer Nutzung der Meere stellt sich eine neue Frage:
Wie reagieren wandernde Aale auf künstlich erzeugte Magnetfelder, etwa durch Unterseekabel, Offshore-Windparks oder Hochspannungsleitungen? Diese Anlagen erzeugen elektrische und magnetische Felder, die das natürliche Erdmagnetfeld lokal verändern können. Da Aale sensibel auf magnetische Reize reagieren, könnten solche Veränderungen ihre Orientierung beeinträchtigen – vor allem während der Laichwanderung über den Atlantik.
Noch fehlen umfassende Langzeitstudien, doch erste Simulationen und Messungen deuten darauf hin, dass Störfelder durchaus eine Rolle spielen könnten. Die Folgen würden sich allerdings erst zeigen, wenn es vielleicht schon zu spät ist – wenn kaum noch Aale den Rückweg finden.
Folgen des „fremden“ Aalbesatzes
Seit den 1960er Jahren wurden europaweit Millionen Glasaale aus fremden Fanggebieten in Flüsse und Seen ausgesetzt – meist weit entfernt von ihrer ursprünglichen Herkunft. Dabei gelangten etwa französische oder britische Glasaale in deutsche Gewässersysteme, um den Rückgang der Bestände durch Bau von Querverbauungen/Wasserkraftwerke u. ä. zu kompensieren.
Doch was damals als sinnvolle Rettungsmaßnahme galt, könnte sich im Nachhinein als schwerwiegender Eingriff in den natürlichen Orientierungssinn des Aals erweisen.
Denn die magnetische Prägung – also der „Fingerabdruck“ des Erdmagnetfeldes, den ein Glasaal beim Eintritt in ein Gewässer erhält – bleibt ihm ein Leben lang erhalten. Wird ein Tier aber hunderte Kilometer entfernt in ein anderes Magnetfeld umgesetzt, merkt sich sein Körper falsche Richtwerte.
Wenn dieser „innere Kompass“ später die Laichwanderung leiten soll, könnte der Aal in eine völlig falsche Richtung abdriften oder die Orientierung verlieren. Genau dies würde erklären, warum Besatztiere oft nie mehr in die Sargassosee zurückkehren. Dies passiert nachweislich bei Besatzmaßnahmen in der Donau. Die Blankaale dort wandern in die entgegengesetzte Richtung und nicht zur Sargassosee.
Forscher des International Council for the Exploration of the Sea (ICES) stellten fest, dass die Rückkehrquote („silver eel escapement“) von Besatzaalen deutlich geringer ist als die natürlicher Aufsteiger. Hinzu kommt, dass mit den fremden Glasaalen auch genetisch unpassende Populationen vermischt wurden. Beides könnte langfristig die Fähigkeit zur Navigation und die genetische Stabilität der Art schwächen.
So wird zunehmend vermutet, dass der großflächige Besatz aus fremden Regionen – vor allem in den 1970er und 1980er Jahren – unbeabsichtigt zur Verschärfung des Aalrückgangs beigetragen haben könnte.
Verhalten am Angelgewässer
Auch für Angler ist das Wissen um den Magnetsinn interessant. Zwar reagieren Aale am Ufer nicht direkt auf Magnetfelder, doch ihre Empfindlichkeit gegenüber Druck- und Schallwellen macht sich bemerkbar. Starke Vibrationen durch metallische Geräte, Motoren oder unruhige Bewegungen am Steg können das feine Gleichgewicht ihrer Wahrnehmung stören. Besonders in klaren, flachen Bereichen oder an Buhnen ist ein ruhiges, unauffälliges Verhalten am Wasser empfehlenswert. Der Aal „spürt“ mehr, als man glaubt – und nicht nur über die Haut.
Fazit
Orientierung im Unsichtbaren
Der Magnetsinn des Aals ist ein Meisterwerk der Evolution: ein innerer Kompass, der mit genetischer Erinnerung, Sinneswahrnehmung und Umweltreizen verknüpft ist. Zusammen mit den anderen Sinnen – dem Geruchssinn, dem Tastsinn und der Seitenlinie – bildet er ein hochkomplexes System, das Navigation und Überleben ermöglicht.
So finden Aale über tausende Kilometer hinweg ihren Weg zur Sargassosee, gelenkt von Kräften, die wir weder sehen noch spüren können.
Und vielleicht liegt genau darin das Faszinierende an diesen geheimnisvollen Fischen: Sie folgen einem Weg, der im Unsichtbaren beginnt – und im ewigen Kreislauf ihres Lebens endet.
Views: 1


























