Der Sehsinn der Aale

Zwischen Dunkelheit und Tiefseeaugen

Je nach Lebensweise und Lebensraum ist das Sehvermögen von Fischen ganz unterschiedlich entwickelt. Während viele tagaktive Arten mit kräftigen Farben und ausgeprägtem Jagdinstinkt ein scharfes Auge haben, ist es bei nachtaktiven Bodenbewohnern meist schwächer ausgeprägt. Für den Aal trifft dies in besonderem Maße zu. Er verlässt sich nur begrenzt auf seine Augen und hat andere, feinere Sinne entwickelt, die für ihn oft wichtiger sind.

Trotzdem ist der Sehsinn des Aals alles andere als unbedeutend. Er verrät viel über seine geheimnisvolle Lebensweise – vom verborgenen Grundbewohner bis hin zum Wanderer, der sich in der letzten Lebensphase auf den Weg in die Tiefsee begibt.

Kleine Augen für ein Leben im Dunkeln

Die Augen des Aals sind im Vergleich zu seinem Körper recht klein. Das liegt daran, dass er überwiegend in der Dunkelheit aktiv ist. Anders als typische Raubfische, die tagsüber mit gestochen scharfem Blick ihre Beute verfolgen, verlässt sich der Aal in der Nacht und am Grund des Gewässers mehr auf Geruchs-, Geschmacks- und Tastsinn. Nur in einem Lebensstadium ändert sich das deutlich: wenn der gelbe Fluss- oder Seenaal zum Blankaal wird und die lange Reise in die Sargassosee antritt. Dann vergrößern sich die Augen stark und verwandeln sich in regelrechte „Tiefseeaugen“. So wird er für das Leben in lichtarmen Tiefen gerüstet.

Kurzsichtig, aber mit weitem Blickfeld

Wie die meisten Fische kann auch der Aal seine Augen bewegen und die Linse mithilfe kleiner Muskeln so einstellen, dass er scharf sieht. Allerdings funktioniert das nur auf kurze Distanzen – er ist also kurzsichtig. Doch dieser Nachteil wird durch die Stellung der Augen teilweise ausgeglichen: Sie verschaffen ihm ein weites Gesichtsfeld, deutlich größer als das des Menschen. So entgeht ihm auch in trübem Wasser oder in der Dunkelheit nur wenig von dem, was sich direkt um ihn herum bewegt.

Eine Besonderheit unter den Fischen

Eine erstaunliche Besonderheit zeigt sich bei der Iris. Während viele Fische ihre Pupillen nicht aktiv steuern können, ist der Aal dazu in der Lage. Bei starker Helligkeit verengt sich seine Pupille, bei Dunkelheit weitet sie sich. Das verleiht ihm eine gewisse Anpassungsfähigkeit an wechselnde Lichtverhältnisse, die in flachen, klaren oder stark beschatteten Gewässern nützlich sein kann.

Farbenblind oder doch nicht?

Lange galt die Meinung, dass Aale ausschließlich schwarz-weiß sehen können. Dafür spricht auch ihre Lebensweise, denn in den schlammigen Gründen oder in der nächtlichen Dunkelheit spielen Farben ohnehin kaum eine Rolle. Es gibt jedoch Untersuchungen, die dieses Bild zumindest in Frage stellen. Dabei beobachtete man, dass sich die Körperfärbung des Aals an die Umgebung anpasst – ein Hinweis darauf, dass er seine Umwelt auch farblich wahrnehmen könnte. Ob diese Fähigkeit über die Augen oder möglicherweise über besondere lichtempfindliche Zellen in der Haut vermittelt wird, ist noch nicht abschließend geklärt. Sicher ist nur: Der Aal ist ein Meister der Tarnung, und sein Sehsinn trägt auf die eine oder andere Weise dazu bei.

Sehen mit der Haut

Besonders faszinierend ist, dass der Aal nicht nur mit den Augen sehen kann. Bereits in den 1960er Jahren zeigten Versuche, dass Aale ab dem Gelbaalstadium auch über lichtempfindliche Zellen in ihrer Haut verfügen – besonders im Bereich des Schwanzes. Dies wurde allerdings in scheußlichen Experimenten mit geblendeten Aalen bewiesen. Tierschutz war damals weitestgehend noch ein „Fremdwort“.

Diese ungewöhnliche Fähigkeit dient einem sehr praktischen Zweck: Sie hilft dem Aal, bei Gefahr schnell festzustellen, ob er sich vollständig in einem Versteck befindet.

Viele Aale schieben sich tagsüber in kleine Höhlen, Röhren oder Felsspalten, die oft so eng sind, dass sie sich darin nicht mehr drehen können. In solchen Situationen ist es entscheidend, ob das Schwanzende noch draußen im Hellen liegt oder schon in der Dunkelheit verborgen ist. Das Auge des Aals sitzt also nicht nur im Kopf, sondern gewissermaßen auch in seiner Haut. Ein bemerkenswerter Trick der Natur, um das Überleben zu sichern.

Verhalten am Angelgewässer

Für Angler hat der Sehsinn des Aals eine interessante praktische Bedeutung. Da er in der Nacht unterwegs ist und seine Augen nur eine eingeschränkte Rolle spielen, reagieren Aale kaum auf Lichtquellen oder leise Stimmen am Ufer. Ganz anders sieht es jedoch bei Bewegungen aus, die Vibrationen im Boden oder Wasser verursachen. Wer im Dunkeln mit schweren Schritten über eine Buhne trampelt oder auf steinigem Grund lärmt, schreckt die Fische eher auf, als wenn er ein leises Gespräch führt.

Immer wieder diskutiert wird der Einsatz von rotem Licht am Wasser. Viele Angler nutzen Stirnlampen mit roter LED, weil sie überzeugt sind, dass Fische dadurch weniger gestört werden. Tatsächlich ist der Sehsinn des Aals für Farbwahrnehmung entweder gar nicht oder nur sehr eingeschränkt ausgelegt. Es spricht also wenig dafür, dass er auf rotes Licht anders reagiert als auf weißes. Viel entscheidender ist die Helligkeit selbst. Grelles Licht, egal in welcher Farbe, durchdringt das Wasser stärker und wirkt für den Aal ungewöhnlich. Dagegen stört ein schwaches Licht, sei es rot oder weiß, die Aale kaum. Der Vorteil roter Lampen liegt also weniger beim Aal, sondern eher beim Angler selbst: Rotes Licht blendet deutlich weniger und erhält die eigene Nachtsicht besser.

Die Faustregel lautet also: Nicht die Farbe, sondern die Intensität des Lichts entscheidet. Der Aal „sieht“ den Menschen eher durch Schwingungen im Boden und Wasser als durch dessen Taschenlampe.

Fazit

Der Aal ist kein „Augentier“ im klassischen Sinne. Sein Sehsinn ist im Vergleich zu anderen Fischen begrenzt, doch die Natur hat ihn mit cleveren Anpassungen ausgestattet: bewegliche Linsen, eine steuerbare Iris, mögliche Farbempfindlichkeit und lichtfühlende Hautzellen. Im Zusammenspiel mit seinen anderen, weit ausgeprägteren Sinnen ergibt sich daraus ein Gesamtpaket, das ihn zu einem perfekt angepassten Bewohner der Nacht macht. Auch wenn seine Augen oft im Schatten stehen – sie tragen dazu bei, dass er seit Millionen von Jahren erfolgreich in den Gewässern überlebt.

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