Parasiten

Durch die Globalisierung und den biologisch unkontrollierten Handel und Transport von Waren und Tieren über viele Tausende Kilometer hinweg werden immer neue Parasiten in Gebiete eingeschleppt, in denen sie nie zuvor vordringen konnten. Dadurch sind ganze Tierarten und auch der Mensch immer neuen Gefahren ausgesetzt. Für einige Tierarten und Ökosysteme werden diese fremden Parasiten zur ernsthaften Bedrohung. Der Aal hat sich im Laufe der Evolution an einer Handvoll Parasiten gewöhnen können und diese bis heute überlebt. Derzeit kommen durch die Globalisierung aber extrem viele und unterschiedliche neue Parasiten hinzu. Zudem wird ihr Überleben durch den Klimawandel immer einfacher. Seit der Jahrtausendwende wurde alle 2 Jahre ein neuer Aalparasit in Europa eingeschleppt und die Wissenschaft hat keine Antwort auf die Frage wie das alles weitergehen wird bzw. wo es endet.

Der wohl bekannteste Parasit ist der Schwimmblasenwurm Anguillicola crassus, der durch Import von lebenden Aalen aus Taiwan Anfang der 1980er Jahre in die Weser eingeschleppt wurde. Innerhalb von nur 2 Jahrzehnten breitete sich der Fadenwurm in ganz Europa aus und befiel den europäischen Aalbestand mit verheerenden Folgen.

Dieser Nematode wird im europäischen Aal etwa doppelt so groß wie in seinem ursprünglichen Wirt, der im übrigen mit dem Wurm zurechtkommt. Insgesamt sind durchschnittlich über 70 % des Aalbestandes von diesem Wurm befallen. Regional können jedoch bis zu 90 % des Bestandes (Brandenburg) befallen sein. Bei wiederum ca. 70 % der befallenen Aale richtet der Wurm einen messbaren Schaden an den Schwimmblasenwänden an und bei ca. 10 % der Aale schädigt er die Schwimmblasenwände derart, das sie den Atlantik definitiv nicht mehr überqueren könnten um abzulaichen. Führende Parasitologen sind der Ansicht, dass der Aalbestand auf Grund seines Parasitenbefalls trotz getroffener EU Maßnahmen in naher Zukunft aussterben wird.

Schwimmblasenwürmer vermehren sich innerhalb der Schwimmblase durch Eiablage. Bevor das bis zu 4,5 cm lange Weibchen (größter Wurm in der Schwimmblase) stirbt, legt es bis zu 10.000 Eier in der Schwimmblase ab. Diese werden über eine Verbindung zum Darmtrakt ausgeschieden.

Um sich auszubreiten benötigt der Schwimmblasenwurm jedoch einen Zwischenwirt. Dieser ist als Copüepode (Ruderfußkrebs oder Hüpferling) in allen europäischen Gewässern vorhanden. Sobald ein Hüpferling die Larven des Wurms frisst ist er in der Nahrungskette die für den Aal gefährlich ist. Wird ein befallener Hüpferling von einem Aal gefressen befällt den Aal die Larve direkt. Wird ein befallener Hüpferling von einen anderen Tier gefressen, z.B. Jungfische, Kleinfische, Schnecken, Insekten, … verfällt die Larve in diesem Stapelwirt in ein Ruhestadium. Sobald jedoch ein entsprechender Stapelwirt vom Aal gefressen wird, reaktiviert sich die Larve und befällt den Aal auch auf diesem Wege.

Mögliche Maßnahmen:

Gegenmaßnahmen (praktisch & managementbezogen):

  • Verwendung von parasitenfreiem Besatzmaterial (v. a. Glasaale aus kontrollierten Quellen)
  • Verzicht auf Umsetzungen aus stark belasteten Gewässern
  • Reduktion von Stressfaktoren (z. B. Transport, Sauerstoffmangel, hohe Temperaturen)
  • Verbesserung der Gewässerqualität, da geschwächte Aale anfälliger sind
  • In natürlichen Gewässern: keine direkte Bekämpfung möglich, nur indirekte Steuerung

Forschung & aktuelle Erkenntnisse:

  • Langzeitstudien zur Anpassung und teilweisen Resistenz europäischer Aale
  • Untersuchung der Kombinationswirkung mit anderen Parasiten
  • Forschung zur Auswirkung auf Wanderfähigkeit und Fortpflanzung
  • Diskussion, ob A. crassus heute eher chronischer Stressfaktor als Hauptursache des Bestandsrückgangs ist

Erhöhung der Finanzmittel für die Forschung, wie seit von Parasitologen gefordert Vernichtung oder genetische Immunisierung und anschließender Ersatz der Zwischenwirte.

Vier weiterer Parasiten beim Aal:

Andere Fadenwürmer (Nematoden)

Neben dem bekannten Schwimmblasenwurm Anguillicola crassus gibt es weitere Fadenwürmer, die Aale befallen können. Diese Nematoden sitzen häufig im Darm, seltener in Leber oder Muskulatur. Viele Arten gelten als vergleichsweise harmlos, können aber bei starkem Befall die Nahrungsaufnahme beeinträchtigen, das Wachstum bremsen oder den Aal anfälliger für andere Krankheiten machen. Besonders Jung- und Besatzaale reagieren empfindlich. In der Natur bleiben solche Infektionen oft unbemerkt, können sich aber unter Stressbedingungen verstärken.

Gegenmaßnahmen & Forschung (Auswahl):

  • Vermeidung von belastetem Besatzmaterial
  • Forschung zu Wechselwirkungen mit Anguillicola crassus
  • Untersuchung natürlicher Resistenz bei Wildaalen

Dornwürmer (Acanthocephalus anguillae)

Der Dornwurm Acanthocephalus anguillae, auch als „Kratzer“ bezeichnet, ist ein Darmparasit des Aals, der sich mit einem hakenbesetzten Rüssel an der Darmwand festsetzt. Er gilt als ursprünglich an nordamerikanische Aalarten angepasst und wurde vermutlich über eingeschleppte Zwischenwirte und Aaltransporte nach Europa verbreitet.

Beim Europäischen Aal kann der Parasit lokale Entzündungen, kleine Blutungen und Verdickungen der Darmwand verursachen. In den meisten Fällen bleibt der Befall jedoch subklinisch und zeigt keine unmittelbar sichtbaren Symptome. Problematisch wird Acanthocephalus anguillae vor allem bei starkem Befall oder in Kombination mit anderen Stressfaktoren wie schlechter Wasserqualität, Nahrungsmangel oder zusätzlichem Parasitenbefall.

Im Unterschied zum Schwimmblasenwurm beeinflusst der Dornwurm weder die Schwimmleistung noch die Laichwanderung des Aals. Seine Bedeutung liegt weniger in akuten Schäden als in einer möglichen chronischen Zusatzbelastung, insbesondere während der Wachstumsphase von Jung- und Gelbaalen. In der Silberaalphase verliert der Parasit weitgehend an Bedeutung.

Insgesamt gilt Acanthocephalus anguillae heute als ökologisch relevant, aber nicht bestandslimitierend.

Gegenmaßnahmen & Forschung (Auswahl):

  • Kontrolle von Zwischenwirten (z. B. Bachflohkrebse) im Besatzmanagement
  • Vermeidung von Parasitenverschleppung durch Besatzfische
  • Forschung zu Wechselwirkungen mit anderen Parasiten, insbesondere Anguillicola crassus

Bandwürmer (Cestoden)

Bandwürmer kommen bei Aalen seltener vor als Fadenwürmer, sind aber dennoch Teil des parasitischen Spektrums. Sie leben meist im Darm und nutzen Zwischenwirte wie Kleinkrebse oder Fische. Ein leichter Befall bleibt oft folgenlos, bei stärkerer Belastung kann es jedoch zu Nährstoffmangel, Abmagerung und geschwächtem Immunsystem kommen. Besonders in stehenden oder nährstoffreichen Gewässern können sich passende Bedingungen für Bandwürmer entwickeln. Im Vergleich zu Anguillicola crassus spielen sie bislang eine untergeordnete Rolle, werden aber zunehmend mituntersucht.

Gegenmaßnahmen & Forschung (Auswahl):

  • Kontrolle der Zwischenwirte im Besatzmanagement
  • Langzeitstudien zur Gesamtbelastung mehrerer Parasiten
  • Vergleichende Forschung mit Schwimmblasenwurmbefall

Einzeller und Hautparasiten (z. B. Ichthyobodo, Chilodonella)

Einzellige Parasiten wie Ichthyobodo oder Chilodonella befallen vor allem Haut und Kiemen von Aalen. Sie treten häufig bei geschwächten oder gestressten Tieren auf, etwa nach Transport, Besatz oder bei schlechter Wasserqualität. Die Folge sind Schleimhautreizungen, Atemprobleme und erhöhte Anfälligkeit für Sekundärinfektionen. Anders als der Schwimmblasenwurm wirken diese Parasiten eher kurzfristig, können aber besonders bei Jungaalen hohe Verluste verursachen. In natürlichen Gewässern regulieren sich die Infektionen meist selbst.

Gegenmaßnahmen & Forschung (Auswahl):

  • Verbesserung der Wasserqualität
  • Stressvermeidung bei Besatzmaßnahmen
  • Forschung zu Kombinationsbelastungen mit Anguillicola crassus

Anisakis simplex (relevant für Mensch und Meeresaal)

Anisakis simplex ist ein parasitischer Fadenwurm, der vor allem in Meeresfischen vorkommt – auch in Meeresaalen. Für den Aal selbst ist der Befall meist wenig problematisch, für den Menschen jedoch potenziell gefährlich. Werden rohe oder unzureichend gegarte Fische verzehrt, können die Larven Magen-Darm-Beschwerden auslösen. Deshalb spielt Anisakis vor allem in der Lebensmittelkontrolle eine Rolle. Im Gegensatz zu Anguillicola crassus ist dieser Parasit kein Bestandsproblem, sondern ein Verbraucherthema.

Gegenmaßnahmen & Forschung (Auswahl):

  • Durchgaren oder Tiefgefrieren von Fisch
  • Regelmäßige Lebensmittelkontrollen
  • Forschung zu Verbreitung in europäischen Aalbeständen

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