Über 1.000 Tonnen Aale unverkäuflich

Nicht gleich erschrecken!

Es geht um 1.000 Tonnen Aale, liegen auf Lager und finden keine Käufer mehr. Das klingt nach einer übertriebenen Schlagzeile aus den sozialen Medien? Tatsächlich steckt hinter dieser Meldung aber ein aktuelles und reales Problem – allerdings eines, das wohl kaum zu Diskussionen rund um den Europäischen Aal passen würde. Warum sitzen manche auf Bergen von Aalen, während andere ein Fangverbot fordern? Hier ein Blick über den Tellerrand.

anguilla marmorata

Die Situation in Vietnam

In der südvietnamesischen Provinz Cà Mau haben viele Betriebe in den vergangenen Jahren auf die „Aalzucht“ gesetzt. Dort nennt man Aale mästen tatsächlich auch als Zucht. Die Nachfrage war gut, die Preise attraktiv und immer mehr „Landwirte“ investierten in den letzten Jahren in die „Produktion“.

Doch wie so oft folgte auf den Boom die Ernüchterung. Die erzeugten Mengen stiegen deutlich schneller als die Nachfrage. Inzwischen sitzen die „Zuchtbetriebe“ (Mastanlagen) auf mehr als 1.000 Tonnen marktreifer Aale, für die sich nur schwer Abnehmer finden.

Besonders deutlich wird die Krise beim Blick auf die Erzeugerpreise. Während die Aale vor rund einem Jahr noch deutlich bessere Erlöse erzielten, erhalten die „Züchter“ heute nur noch 38.000 bis 42.000 Vietnamesische Dong (VND) pro Kilogramm. Das entspricht rund 1,25 bis 1,40 Euro pro Kilogramm Aal.

Für viele Betreiber der Mastanlagen reicht dieser Preis kaum aus, um die laufenden Kosten für Futter, Energie und Pflege der Mastaale zu decken. Jeder weitere Tag bedeutet zusätzliche Ausgaben, während die Verkaufschancen nicht besser werden.

a. marmorata

Das Problem liegt hier also nicht bei den Aalbeständen selbst, sondern am Markt: Es wurden mehr Aale „produziert“, als sich verkaufen lassen.

Ein Blick über den Tellerrand

Für uns in Europa wirkt diese Nachricht zunächst widersprüchlich und absurd. Seit Jahren wird über den Rückgang des Europäischen Aals (Anguilla anguilla) berichtet. Fangbeschränkungen, Besatzmaßnahmen und Schutzprogramme bestimmen die Diskussionen.

In Vietnam zeigt sich dagegen ein völlig anderes Bild. Dort geht es nicht um einen Mangel an Aalen, sondern um wirtschaftliche Probleme in der Aquakultur. Das verdeutlicht, dass Artenschutz und Marktgeschehen zwei völlig unterschiedliche Themen sind. Ein Überangebot an gemästeten Aalen sagt nichts über den Zustand wildlebender Aalbestände aus – genauso wenig wie ein gefährdeter Wildbestand automatisch hohe Erlöse für Produzenten bedeutet.

Welche Aalart in den betroffenen Mastanlagen überwiegend gehalten wird, geht meist aus den veröffentlichten Berichten nicht immer eindeutig hervor. In Vietnam werden verschiedene heimische Aalarten gemästet, sodass sich kaum seriöse Aussage treffen lässt. Ich mache es trotzdem.

Es geht in erster Stelle der Indopazifischer gefleckter Aal (anguilla marmorata) gefolgt von Indopazifischer Kurzflossenaal (anguilla bicolor pacifica) und jetzt wird es zumindest für mich interessant an dritter Stelle Japanischer Aal (anguilla japonica). Auch Nebel-Aal (anguilla nebulosa) und Celebes Langflossen Aal (anguilla celebensis) soll es dort vereinzelt geben.

Möglicherweise spielen die hier genannten Arten in Europa irgendwann eine gewisse Rolle.

Das EU-Vietnam-Freihandelsabkommen (EVFTA) von 2020 regelt den Handel mit Aalprodukten, allerdings unterliegt dieser Wirtschaftszweig strengen ökologischen Beschränkungen und Artenschutzauflagen, die den zollfreien Handel in der Praxis stark einschränken.

Das EVFTA sieht vor, dass die Zölle für fast alle Fischerei- und Aquakulturprodukte (worunter auch Aale fallen) schrittweise über einen Zeitraum von bis zu sieben Jahren auf 0 % reduziert werden.

Deutsche Importeure könnten seither von reduzierten Zollsätzen profitieren, sofern die Ursprungsregeln des Abkommens strikt eingehalten werden.

Warum passiert es nicht?

Ursachen (beispielsweise):

  • Vietnam muss nachweisen, das beim Handel 100% keine europäischen Aale dabei sind.

  • Die Aalprodukte müssen den extrem strengeren EU-Sicherheitsstandards entsprechen.

  • Vietnam muss eine lückenlose Rückverfolgbarkeit der Fischereiprodukte garantieren, um illegalen Handel (IUU-Fischerei) und Aal-Schmuggel zu unterbinden.

  • Eine Akzeptanz auf dem europäischen Markt ist auf Grund des Geschmacks, der Konsistenz und des äußerlichen Aussehens kann bezweifelt werden.

Die Herausforderungen zum Erhalt der europäischen Aalbestände können von diesen Arten  imo nicht gelöst werden.

Vergleich in der Küche:

Das Fleisch der asiatischen Arten ist deutlich magerer und schmeckt weniger nach typischem, fettigem Aal, sondern besitzt ein feines, fischartigeres Aroma. Manche Branchenexperten beschreiben den Geschmack oft eher als „normales, festes Fischfleisch“ statt als klassischer Fettfisch.

Aufgrund der schieren Größe der Tiere (bis 200 cm) sind die Muskelfasern grober und wesentlich fester als der europäische Aal. Das Fleisch hat mehr „Biss“ und Struktur. Zudem ist die Haut aber dicker und gallertartiger, weshalb sie in der asiatischen Küche oft lange geschmort oder intensiv gegrillt werden muss, um richtig weich zu werden. Zum Räuchern sind diese Arten eher weniger geeignet.

Fazit

Die Geschichte aus Vietnam zeigt, wie unterschiedlich die Herausforderungen rund um den Aal weltweit sein können. Während Europa versucht, den Bestand des Europäischen Aals langfristig zu sichern, kämpfen sogenannte „Aalzüchter“ in Südostasien mit den Folgen eines Überangebots und sinkender Preise.

Gerade deshalb lohnt sich manchmal ein Blick über den Tellerrand. Nicht jede Nachricht über den „Aal“ betrifft automatisch unseren Europäischen Aal – dennoch kann sie interessante Einblicke in die weltweite Bedeutung dieser faszinierenden Arten der Gruppe der echten Aale geben.

Hinweise: Im Web werden Beiträge mit dem Begriff „Aalzucht“ oder „Zucht der Aale“ falsch gekürzt bzw. übersetzt, falsch interpretiert und überwiegend auch falsch verstanden.

Ich versuche dies immer und immer wieder deutlicher auf dieser Webseite klarzustellen: Ich ersetze den Begriff „Aalzucht“ mit der korrekten Bezeichnung „Aalaufzucht“ – das ist ein erheblicher Unterschied der in der „Presse“ immer wieder verwechselt wird.

Aalzucht = Vermehrung durch künstliche Fortpflanzung ist bisher nicht möglich. Die einzige Ausnahme ist der japanische Aal und mit extrem hohen Kosten (über 10.000 Dollar/Stück).  

Aalaufzucht (Glasaalen – Steigaalen – Gelbaalen) = auf-/vorgezogen und/oder füttern/mästen.

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