Der taktile Ferntastsinn der Aale

Wahrnehmen ohne Berührung

Aale verfügen über erstaunliche Fähigkeiten, ihre Umgebung zu erfassen. Neben Geruch, Geschmack, Gehör und Sehsinn besitzen sie hochentwickelte Tastsinne – sowohl den haptischen, der auf direktem Körperkontakt beruht, als auch den taktilen Ferntastsinn, mit dem sie Druck- und Strömungsveränderungen im Wasser wahrnehmen können. Gerade beim Aal ist dieser Tastsinn besonders ausgeprägt und ermöglicht ihm, selbst in völliger Dunkelheit sicher zu navigieren und Beute oder Hindernisse zu orten.

Seitenlinie

Ein Sinn aus der Urzeit

Innerhalb der Haut des Aals befindet sich ein Sinnesorgan, das aus evolutionärer Sicht zu den ältesten bekannten Wahrnehmungssystemen der Wirbeltiere zählt. Dieser sogenannte taktile Ferntastsinn ist ein Relikt aus der Frühzeit der Fische, ein hochsensibles „Ortungssystem“, das völlig ohne direkten Kontakt arbeitet. Während der haptische Tastsinn auf unmittelbare Berührung reagiert, registriert der taktile Ferntastsinn selbst feinste Bewegungen und Druckänderungen im umgebenden Wasser – und das in Sekundenbruchteilen.

Im Zentrum dieses Systems steht die Seitenlinie, die bei Aalen – wie bei vielen anderen Fischarten – deutlich sichtbar ist. Sie zieht sich längs beider Körperseiten vom Kopf bis zum Schwanz und teilt den Körper optisch in eine obere und eine untere Hälfte. Doch die sichtbare Linie ist nur die Oberfläche eines komplexen Netzwerks aus winzigen, gleichartig aufgebauten Sinnesorganen, die in der Haut liegen.

Die Seitenlinie – Ein verborgenes Wahrnehmungssystem

Was man beim Aal als „Seitenlinie“ erkennt, ist in Wirklichkeit die äußere Struktur eines verzweigten Systems, das aus mehreren Kanälen mit feinen Porenöffnungen besteht. Diese Poren führen in eine darunterliegende, mit gallertartiger Flüssigkeit gefüllte Versorgungsröhre, in der sich Tausende spezialisierte Haarsinneszellen befinden. Diese Zellen reagieren auf minimale Druckveränderungen und Wasserbewegungen und leiten die Informationen direkt an das Gehirn weiter.

Im Kopfbereich teilt sich dieses System in mehrere Linien auf, die um die Maul-, Nasen- und Augenregion verlaufen. Dadurch kann der Aal nicht nur Objekte entlang seiner Körperflanken, sondern auch vor und über sich wahrnehmen. Seine Empfindlichkeit ist so fein, dass selbst kleinste Strömungsverwirbelungen – etwa durch vorbeischwimmende Beutetiere – erfasst werden. Der Aal „spürt“ also Bewegungen, lange bevor er sie sieht oder riecht.

Wahrnehmung in der Dunkelheit

Die extreme Empfindlichkeit des taktilen Ferntastsinns ist ein entscheidender Überlebensvorteil. Aale sind nachtaktiv und leben meist in trüben Gewässern, wo Sicht und Licht eine untergeordnete Rolle spielen. Sie sind ohnehin eher kurzsichtig. Während der Mensch in völliger Dunkelheit nahezu blind wäre, kann der Aal durch Druckwellen ein erstaunlich genaues Bild seiner Umgebung erzeugen.

So ist erklärlich, weshalb Aale – und Fische allgemein – in einem Aquarium nicht ständig gegen die Glasscheiben schwimmen. Sie „erfühlen“ die Scheibe über die Druckveränderungen, die ihre eigenen Schwimmbewegungen im Wasser erzeugen. Interessanterweise gleicht das Seitenliniensystem diese Eigenbewegungen automatisch aus: Es arbeitet bidirektional, das heißt, es filtert die selbst erzeugten Druckwellen heraus und reagiert nur auf äußere Einflüsse.

Vom Urorgan zum Vorläufer des Gehörs

Biologisch betrachtet bestehen Parallelen zwischen den Sinneszellen der Seitenlinie und jenen im Innenohr von Wirbeltieren. Diese sogenannten Kanalneuromasten gelten als evolutionäre Vorläufer des Hörorgans und könnten der Ursprung des heutigen Gleichgewichts- und Hörsinns sein. Beim Übergang von den Fischen zu den Landwirbeltieren – also den Amphibien und später Reptilien – gingen diese Strukturen weitgehend verloren. Beim Aal jedoch haben sie überlebt und perfektioniert.

Das wohl eindrucksvollste Beispiel für die Leistungsfähigkeit solcher Sinnesorgane zeigt sich bei großen Fischschwärmen, etwa Sardinen. Sie reagieren auf Bewegungen der Nachbarfische in Millisekunden, als würden sie von einem gemeinsamen Bewusstsein gesteuert. Auch beim Aal läuft diese Kommunikation über Druckreize ab – nur eben im Verborgenen und individuell.

Verhalten am Angelgewässer

Für Angler liefert dieses Wissen wertvolle Hinweise. Aale reagieren empfindlich auf Druckwellen im Wasser. Laute Schritte am Ufer, platschende Bewegungen oder starke Vibrationen auf Stegen können sie verunsichern und vertreiben. Wer Aale erfolgreich beangeln möchte, sollte sich behutsam verhalten – besonders in flachen Uferbereichen oder an Buhnen. Selbst dumpfe Schläge beim Ablegen einer Rute werden unter Umständen wahrgenommen. Wer sich ruhig verhält, hat oft deutlich bessere Fangchancen.

Fazit

Spüren auf Distanz – Der taktile Tastsinn des Aals ist ein wahres Meisterwerk der Evolution. Mit ihm kann der Aal seine Umwelt „spüren“, ohne sie tatsächlich zu berühren. Druckwellen, Strömungen und selbst feinste Bewegungen werden zu einem unsichtbaren Bild der Umgebung zusammengesetzt. Zusammen mit dem haptischen Tastsinn ergibt sich so ein perfekt abgestimmtes Doppelsystem: Der eine fühlt durch Kontakt, der andere aus der Ferne.
Und so bleibt der Aal, selbst in völliger Dunkelheit, stets Herr seiner Umgebung – geführt von einem Sinn, den viele andere Lebewesen längst verloren haben.

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