Der unsichtbare Thermostat im Körper der Aale
Aale sind Meister darin, sich an wechselnde Bedingungen anzupassen – an Strömung, Licht, Salzgehalt und vor allem: an Temperatur. Denn für sie bestimmt die Wassertemperatur beinahe alles, was sie tun – wann sie fressen, ruhen, wandern oder sogar sterben.
Der Temperatursinn der Aale gehört zu den sensibelsten im Tierreich. Winzige Rezeptoren in ihrer Haut und in den Sinnesorganen entlang der Seitenlinie registrieren selbst kleinste Temperaturschwankungen im Wasser. Schon Bruchteile eines Grades reichen, um ihr Verhalten zu verändern.
Anders als Säugetiere sind Aale wechselwarm – also Kaltblüter. Ihre Körpertemperatur folgt der Umgebung. Wird das Wasser kälter, sinkt auch ihre Stoffwechselrate. Sie fressen weniger, bewegen sich kaum noch und verharren in Winterstarre. Steigt die Temperatur, werden sie aktiv, suchen Nahrung und gehen auf Wanderschaft.
Temperatur als Lebensschalter
Die Temperatur ist für Aale kein bloßer Umweltfaktor, sondern der eigentliche Taktgeber ihres Lebens. Schon beim Aufstieg der Glasaale aus dem Meer spielt sie eine zentrale Rolle. Erst ab etwa 8 °C Wassertemperatur beginnen die jungen Aale, in Flüsse und Bäche aufzusteigen. Darunter bleiben sie passiv, als würden sie (Steigaale) „darauf warten“, dass ihr inneres Thermometer grünes Licht gibt.
Auch spätere Entwicklungsphasen sind eng an bestimmte Temperaturbereiche gebunden. Die Pigmentierung, also das Dunkelwerden der Haut nach dem Glasaal-Stadium, hängt direkt von der Wassertemperatur ab:
Bei 8 °C dauert der Prozess rund 45 Tage, bei 18 °C hingegen nur 6 Tage. Temperatur bestimmt also nicht nur Verhalten, sondern sogar Körperentwicklung.
Wärmere Phasen – Gefahr für Haut und Gesundheit
Aale gelten als robust, doch sie sind empfindlicher, als viele denken. Besonders im Sommer, wenn Gewässer sich stark aufheizen, droht ihnen Gefahr.
Ab etwa 24 °C beginnt die schützende Schleimschicht, mit der sie ihre Haut vor Keimen und Parasiten schützen, zu versagen. Dann haben Krankheitserreger leichtes Spiel – darunter auch die gefürchtete Aalrotseuche, eine bakterielle Infektion, die in warmen, sauerstoffarmen Sommergewässern besonders häufig auftritt.
Auch der berüchtigte Schwimmblasenwurm (Anguillicola crassus) kann in Kombination mit hohen Temperaturen schwere Schäden anrichten. Er allein tötet den Aal selten, doch wenn Sauerstoffmangel und Temperaturstress hinzukommen, ist sein Wirt kaum mehr überlebensfähig.
Wenn das Wasser zu heiß wird – Hautatmung als Risiko
Unter allen heimischen Fischen ist der Aal der einzige, der über eine funktionierende Hautatmung verfügt. Bis zu 50 % seines Sauerstoffbedarfs kann er direkt über die feuchte Haut decken – eine Fähigkeit, die ihm sogar kurze Landgänge ermöglicht. Unter günstigen Bedingungen kann ein Aal mehrere Nächte lang über Land zu einem neuen Gewässer kriechen, solange die Umgebung feucht bleibt.
Diese Fähigkeit wird jedoch in heißen Sommern zum Problem. Denn mit steigender Wassertemperatur sinkt der Sauerstoffgehalt im Wasser, gleichzeitig verliert die Haut durch den Temperaturstress ihre Aufnahmefähigkeit.
Der Aal muss dann verstärkt über die Kiemen atmen, um den Mangel auszugleichen – doch seine Kiemen sind kleiner und tiefer in der Haut als die anderer Fische, da sie im Normalfall nur die Hälfte der Arbeit übernehmen müssen.
So entsteht eine gefährliche Kette: Je wärmer das Wasser, desto weniger Sauerstoff – und desto stärker fällt der lebenswichtige Anteil der Hautatmung aus. Der Aal droht zu ersticken, lange bevor andere Fischarten in Not geraten.
Das sommerliche Aalsterben – wenn Hitze zur Falle wird
Viele der alljährlichen Aalsterben im Hochsommer lassen sich genau dadurch erklären. Während Weißfische zur Not an der Oberfläche Luft schnappen, bleibt der Aal als Grundfisch meist in tieferen Zonen. Dort ist das Wasser zwar kühler, aber auch oft sauerstoffärmer.
Wenn die letzten Reserven verbraucht sind, treiben die Tiere an die Oberfläche oder suchen in Panik sauerstoffreichere Bereiche auf – häufig die Fahrrinnen größerer Flüsse, wo durch Schiffsverkehr Sauerstoff eingetragen wird. Dort geraten sie jedoch leicht in die Strömung der Schiffsschrauben oder werden zur leichten Beute von Kormoranen. Nicht verwechseln mit den „geschredderten Aalen“ an Wasserkraftanlagen! Das ist ein anderes Thema.
Viele der an Ufern gefundenen toten Aale zeigen Verletzungen, die eher auf solche „Unfälle“ als auf Krankheiten hindeuten. Der wahre Grund liegt manchmal tiefer: Sie sind schlicht erstickt, weil ihre zusätzliche Hautatmung versagte.
Wenn der Lebenswille den Körper übertrifft
Ein besonderes Phänomen sind wandernde Blankaal, deren Fortpflanzungstrieb sie selbst dann noch antreibt, wenn die Bedingungen lebensfeindlich sind. Bei ihnen ist der Drang zur Fortpflanzung stärker als der Selbsterhaltungstrieb. Es ist belegt, dass sie bei ungünstigen Wassertemperaturen oder Sauerstoffmangel „an Land gehen“ – also den Versuch unternehmen, auf feuchtem Untergrund in der Nacht weiterzuziehen, selbst wenn dies ihr Ende bedeutet.
Dieses Verhalten verdeutlicht, dass Temperatur nicht nur den Körper, sondern auch das Verhalten und die inneren Rhythmen des Aals beeinflusst.
Temperatursinn und Jahreszeiten
Mit dem Wechsel der Jahreszeiten verändert sich das Verhalten der Aale grundlegend.
- Frühjahr: Mit steigenden Wasser-Temperaturen (ab etwa 8 °C) werden sie aktiv, suchen Nahrung und reagieren sensibel auf Temperaturänderungen.
- Sommer: Bei 16–22 °C erreichen sie ihre höchste Aktivität. In warmen Nächten verlassen sie ihre Verstecke, folgen Beutegerüchen und jagen.
- Herbst: Sinkt die Temperatur unter 10 °C, werden die Tiere ruhiger und bereiten sich auf den Winter vor.
- Winter: Unter 6–7 °C stellen sie nahezu jede Aktivität ein und „vergraben“ sich tief im Sediment/Schlamm – dort, wo die Temperatur am konstantesten bleibt.
Besonders interessant ist ihre Vorliebe für Sprungschichten – also Temperaturgrenzen im Wasser, an denen sich warme und kalte Schichten treffen. Dort halten sie sich bevorzugt auf, weil sie die günstigsten Bedingungen zwischen Sauerstoff, Nahrung und Schutz finden.
Temperatur und Anglerglück
Auch für Angler ist das Temperaturverhalten der Aale entscheidend.
Aale beißen vor allem in Nächten, in denen das Wasser weder zu kalt noch zu warm ist – optimal zwischen 14 °C und 20 °C.
Nach starken Temperaturschwankungen oder nach Gewitterfronten mit gleichzeitig fallendem Luftdruck bleiben sie oft aus.
Wer den Temperatursinn der Aale versteht, kann ihr Verhalten besser einschätzen: Ein abrupter Temperatursturz lässt sie inaktiv werden, eine langsame Erwärmung lockt sie dagegen aus ihren Verstecken.
Fazit
Der Sinn für Wärme als Lebenskompass
Der Temperatursinn ist für Aale mehr als ein Reizorgan – er ist der Schlüssel zu ihrem gesamten Lebensrhythmus.
Er bestimmt, wann sie aufsteigen, wann sie ruhen, wann sie wandern und wann sie sterben. Er lenkt ihr Verhalten im Tages- und Jahreslauf, steuert den Stoffwechsel und entscheidet über Gesundheit oder Krankheit. Aale leben buchstäblich im Takt des Wassers.
Und wenn dieser Takt durch Klimawandel, sinkende Wasserstände oder Sauerstoffmangel aus dem Gleichgewicht gerät, dann verlieren sie nicht nur ihre Orientierung, sondern auch ihren Lebensrhythmus – und am Ende vielleicht ihre Zukunft.
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