Hat der Aal mehr Sinne als wir Menschen? – Diese Frage klingt zunächst erstaunlich, denn schließlich haben wir gelernt, dass es „die fünf Sinne“ gibt. Doch in Wahrheit ist die Welt der Wahrnehmung viel vielfältiger. Beim Aal zeigt sich das besonders deutlich: Er nutzt gleich zehn verschiedene Sinne, um in seiner oft dunklen und unübersichtlichen Umwelt erfolgreich zu überleben. Manche davon sind uns vertraut, andere wirken geradezu exotisch – und doch machen sie den Aal zu einem Meister der Wahrnehmung.

1. Geruchssinn
Der Geruchssinn ist die Königsdisziplin des Aals. Kein anderes Tier kann Duftspuren im Wasser so fein wahrnehmen. Selbst minimale Mengen an Duftstoffen reichen, um Beute oder Artgenossen aufzuspüren. Die Riechkanäle und das Jakobsonsche Organ machen ihn zum Weltmeister im Witterungsvermögen. Für die Orientierung im Wasser ist dies ein unschätzbarer Vorteil.
2. Geschmackssinn
Auch beim Schmecken ist der Aal erstaunlich vielseitig. Seine Geschmacksknospen sitzen nicht nur im Maul, sondern auch an den Lippen und teils am Körper. So kann er bereits entscheiden, ob etwas essbar ist, bevor er überhaupt zubeißt. Es geht dabei nicht um Feinschmeckerei, sondern um Effizienz. Der Geschmackssinn hilft ihm, Beute von Unrat zu unterscheiden.
3. Sehsinn
Der Aal kann sehen – aber nicht besonders gut. In trübem Wasser oder bei Nacht ist sein Auge an schwaches Licht angepasst. Mit zunehmendem Alter verändert sich sein Sehvermögen, besonders beim Übergang zum Blankaal, wenn die Wanderung ins Meer ansteht. Dann werden die Augen größer und lichtempfindlicher. Dennoch bleibt das Sehen ein unterstützender Sinn, nicht der wichtigste.
4. Hörsinn
Aale hören über ihr Innenohr, das Vibrationen im Wasser wahrnimmt. Anders als manche andere Fische besitzen sie keinen Weber’schen Apparat, der die Schwimmblase direkt mit dem Ohr verbindet. Deshalb ist ihr Hörvermögen weniger fein. Dennoch können sie Druckwellen und Geräusche registrieren. Für ihre Orientierung reicht das vollkommen aus.
5. haptischer Tastsinn
Die Haut des Aals ist sehr empfindlich. Über Nervenzellen kann er Berührungen und Strömungen direkt wahrnehmen. Auch seine Lippen sind besonders sensibel und liefern zusätzliche Informationen. Der Tastsinn spielt vor allem in völliger Dunkelheit oder in engen Verstecken eine große Rolle. Er ergänzt die anderen Sinne zuverlässig.
6. taktiler Ferntastsinn (Seitenlinienorgan)
Die Seitenlinie ist ein typisches Fischorgan – beim Aal aber besonders fein ausgeprägt. Sie registriert Druckunterschiede und Bewegungen im Wasser. So kann der Aal Beutetiere orten, selbst wenn er sie nicht sieht. Auch die Orientierung in Strömungen gelingt damit mühelos. Der Ferntastsinn ist sein Radar unter Wasser.
7. Magnetsinn
Für seine weiten Wanderungen benötigt der Aal ein inneres Navigationssystem. Wissenschaftliche Hinweise sprechen dafür, dass er das Erdmagnetfeld wahrnehmen kann. Dieser Magnetsinn erlaubt ihm, Richtungen und Positionen über große Distanzen zu erfassen. Besonders bei der geheimnisvollen Reise in die Sargassosee dürfte er unverzichtbar sein. Noch ist nicht alles verstanden, doch die Indizien sind stark.
8. Gleichgewichtssinn
Wie alle Wirbeltiere verfügt auch der Aal über einen Gleichgewichtssinn im Innenohr. Die Bogengänge und Otolithen registrieren Bewegungen und Schwerkraft. Damit kann der Aal seine Schwimmlage stets stabil halten. Selbst in völliger Dunkelheit verliert er nicht die Orientierung. Der Gleichgewichtssinn ist ein stiller Garant für seine Geschicklichkeit.
9. Temperatursinn
Aale reagieren empfindlich auf Temperaturveränderungen. Schon kleinste Unterschiede im Wasser können ihr Verhalten beeinflussen. So suchen sie gezielt Bereiche auf, die ihre Körperfunktionen begünstigen. Der Temperatursinn ist kein klassischer „Extra-Sinn“, sondern eher eine Erweiterung des Tastsinns – doch für das Überleben des Aals hat er große Bedeutung.
10. Elektro-Orientierungssinn
Einige Forscher vermuten, dass Aale auch elektrische Felder wahrnehmen können. Bei anderen Fischen wie Welsen oder Haien ist das eindeutig belegt. Beim Aal gibt es verschiedene Hinweise und Forschungen, aber keine endgültigen Beweise. Sollte sich dies bestätigen, hätte der Aal tatsächlich einen weiteren besonderen Sinn. Vorerst bleibt es jedoch ein spannendes Forschungsfeld.
Fazit
Der Aal ist kein gewöhnlicher Fisch – er ist ein Meister der Sinne. Während wir Menschen uns auf fünf Grundsinne verlassen, verfügt er über gleich zehn verschiedene Wahrnehmungsformen. Manche davon teilen wir, andere sind für uns fast unvorstellbar. Zusammen ergeben sie ein Bild von einem Tier, das perfekt an sein verborgenes Leben angepasst ist. Vielleicht erklärt genau diese Vielfalt, warum der Aal seit Jahrhunderten unsere Fantasie beflügelt – und warum er noch immer voller Geheimnisse steckt.
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