Warum der Wunsch zu helfen verständlich ist
Kaum ein Fisch bewegt Aal-Angler so sehr wie der Aal. Vielleicht, weil andere Angler ihn nicht ständig sehen. Vielleicht, weil jeder gefangene Aal etwas Besonderes ist. Oder weil sein Lebenszyklus bis heute voller Rätsel steckt. Umso verständlicher ist der Wunsch, diesem Fisch zu helfen, wenn sein Bestand offensichtlich unter Druck steht. Der Gedanke liegt nahe: Wenn zu wenige Aale ankommen, setzen wir eben welche ein.

Besatz gilt für viele Angler und Vereine als aktive Hilfe. Man tut etwas, statt nur zuzusehen. Gerade beim Aal erscheint dieser Weg logisch, denn er vermehrt sich nicht im Gewässer, sondern wächst dort über Jahre heran. Genau hier beginnt jedoch ein Punkt, der oft übersehen wird – und der das Thema deutlich komplizierter macht, als es auf den ersten Blick scheint.
Aalbesatz – warum die Rechnung nicht so einfach ist
Ein Glasaal oder Satzaal, der in ein Gewässer eingesetzt wird, bleibt zunächst genau das: ein einziger Aal. Er vermehrt sich dort nicht, er sorgt nicht für Nachwuchs, er wächst lediglich heran. Rein rechnerisch wird der Bestand dadurch also nicht erhöht, sondern lediglich verlagert. Ein Aal wird an einer Stelle entnommen und an anderer Stelle wieder eingesetzt.
Eine echte Bestandserholung entsteht erst dann, wenn dieser Aal viele Jahre überlebt, geschlechtsreif wird, später abwandern kann und schließlich auch das Laichgebiet erreicht. Erst dort – tausende Kilometer entfernt – hätte er überhaupt die Möglichkeit, Nachkommen zu erzeugen. Bis dahin bleibt die Rechnung bei einem einzigen Aal. Nicht mehr.
Wie aus einem eingesetzten Aal schnell keiner mehr wird
Diese theoretische Eins-zu-eins-Rechnung ist jedoch äußerst fragil. Schon beim Umsätzen und Transport gehen Aale verloren. Stress, Sauerstoffmangel oder Temperaturschwankungen wirken sich auf empfindliche Tiere besonders stark aus. Auch beim eigentlichen Besatz passieren Fehler – etwa wenn Aale eimerweise und nicht in kleinen Gruppen an verschiedenen Standorten eingesetzt werden oder die Bedingungen im Gewässer nicht passen.
Noch problematischer wird es, wenn der Aal später keine echte Chance mehr hat, seinen Lebenszyklus zu vollenden. In geschlossenen Gewässern, aus denen keine Abwanderung möglich ist, wächst der Aal zwar heran, bleibt biologisch aber in einer Sackgasse. Selbst ein gut entwickelter Aal, der dort jahrelang überlebt, wird niemals das Laichgebiet erreichen. Für den Fortbestand der Art ist dieser Aal damit verloren.
Auch in offenen Systemen ist der Weg alles andere als sicher. Querverbauungen, Staustufen, Wehre und Wasserkraftanlagen stellen massive Hindernisse dar. Viele abwandernde Aale werden verletzt oder getötet, andere erreichen das Meer geschwächt oder gar nicht. Jeder dieser Verluste verändert die Rechnung weiter. Aus der ursprünglichen Eins wird eine Null. Und eine Null kann keinen Beitrag zur Fortpflanzung leisten.
Warum hohe Besatzdichten oft nicht helfen
Ein weiterer Punkt, der beim Aal lange unterschätzt wurde, ist die Wirkung hoher Besatzdichten. Wo viele Aale auf engem Raum z.B. in Stillgewässern zusammenkommen, entwickeln sich häufig überwiegend Milchner. Diese wachsen schneller, bleiben aber kleiner und wandern früher wieder ab. Das Gewässer wirkt zwar belebt, der Beitrag zur Erhaltung der Art bleibt jedoch gering.
Der Aal reagiert empfindlich auf Konkurrenz und Enge. Mehr eingesetzte Aale bedeuten nicht automatisch mehr große, laichreife Tiere. Gerade die Rogner, die für die Fortpflanzung entscheidend sind, profitieren nicht von überfüllten Verhältnissen. „Viel hilft viel“ ist beim Aal kein funktionierendes Prinzip.
Gute Fangzahlen – ein Zeichen für Erholung?
In den letzten Jahren häufen sich Meldungen über gute Aaljahre. Fangzahlen steigen, Angler berichten von erfolgreichen Nächten, und in Internetforen/-gruppen wird der Eindruck vermittelt, der Aalbestand habe sich deutlich erholt. Auf den ersten Blick scheint das ein klarer Beleg für den Erfolg von Besatzmaßnahmen zu sein.
Bei genauerem Hinsehen ist diese Schlussfolgerung jedoch nicht zwingend. Fangzahlen zeigen vor allem, wie viele fangfähige Aale vorhanden sind – nicht, woher sie stammen. Ein Aal braucht mehrere Jahre, um diese Größe zu erreichen. Genau dieser Zeitraum passt auffällig gut zu den verstärkten Besatzmaßnahmen der vergangenen Jahre, insbesondere im Rahmen europäischer Programme.
Es liegt daher zumindest nahe zu vermuten, dass ein Teil der heutigen Fangerfolge auf Aale zurückgeht, die vor Jahren gezielt eingesetzt wurden und nun schlicht das entsprechende Alter erreicht haben. Gefangen werden also möglicherweise vor allem diese umgesetzten Tiere – nicht zwangsläufig vermehrt neu einwandernde Aale. Ein belastbarer Nachweis dafür existiert bislang leider nicht. Ebenso wenig existiert ein Nachweis für das Gegenteil. Genau das macht die Bewertung so schwierig.
Für viele Angler am Wasser mag dieser Unterschied zunächst keine Rolle spielen. Der Aal ist da, er beißt, er wird gefangen. Biologisch betrachtet ist der Unterschied jedoch entscheidend. Ein Bestand gilt erst dann als wirklich erholt, wenn ausreichend viele Aale nicht nur gefangen werden können, sondern auch erfolgreich abwandern und sich fortpflanzen.
Unterschiedliche Besatzkulturen – Ost und West denken anders
Beim Thema Aalbesatz spielen nicht nur biologische, sondern auch strukturelle Unterschiede eine Rolle. In vielen westlichen Regionen ist die Angelfischerei stark vereinsbasiert organisiert. Zahlreiche kleine Vereine bewirtschaften jeweils ihre „eigenen“ Pachtgewässer. Der Besatz wird zu 40% aus Mitgliedsbeiträgen finanziert, und fischen dürfen nur die eigenen Mitglieder. Daraus entsteht fast zwangsläufig das Gefühl: Was ich bezahlt habe, gehört auch mir.
In den östlichen Bundesländern ist die Situation vielerorts anders. Große Gewässerfonds organisieren den Besatz flächendeckend. Die Aale werden auf viele Gewässer verteilt, finanziert von der Gemeinschaft, ohne dass ein einzelner Verein Anspruch auf „seinen“ Besatz erheben kann. Geangelt wird großräumig, der Besatz gehört niemandem allein – und damit allen.
Diese unterschiedlichen Strukturen prägen die Sichtweise auf den Aal. Wo er als gemeinsames Gut verstanden wird, rückt seine spätere Abwanderung stärker in den Fokus. Wo er als vereinsfinanzierter Fisch wahrgenommen wird, steht eher der kurzfristige Erfolg im eigenen Gewässer im Vordergrund. Beides ist menschlich nachvollziehbar. Der Aal selbst folgt jedoch seinem eigenen Programm – unabhängig davon, wer ihn eingesetzt oder bezahlt hat.
Was Aalbesatz leisten kann – und was nicht
All das bedeutet nicht, dass Besatz grundsätzlich falsch ist. Es bedeutet aber, dass er nur unter sehr bestimmten Voraussetzungen überhaupt eine Chance hat, sinnvoll zu wirken. Entscheidend ist nicht die Menge der eingesetzten Aale, sondern die Frage, wohin sie kommen und welche Perspektive sie dort haben.
Gewässer, die durchgängig sind, ausreichend Nahrung bieten, regulierten Prädatoren und eine sichere Abwanderung ermöglichen, können einzelnen Aalen tatsächlich eine reale Chance geben. In solchen Fällen bleibt die Rechnung wenigstens bei eins – und vielleicht wird daraus irgendwann mehr. Ohne geeignete Bedingungen hingegen bleibt Besatz ein kurzfristiger Erfolg mit begrenzter Wirkung.
Wandern Aale genetisch „nach Hause“ zurück?
Eine naheliegende Frage lautet: Was passiert eigentlich, wenn ein Glasaal aus Frankreich in Deutschland eingesetzt wird, dort aufwächst und später in der Sargassosee ablaicht? Wandern seine Nachkommen dann wieder nach Deutschland – oder kehren sie gewissermaßen zu ihrem „genetischen Ursprung“ nach Frankreich zurück?
Nach heutigem Kenntnisstand lässt sich diese Frage klar beantworten: Europäische Aale besitzen keine vererbbare geografische Zieladresse. Alle Aale laichen gemeinsam in der Sargassosee, und die Larven treiben anschließend mit den Meeresströmungen zurück Richtung Europa. Wohin sie letztlich gelangen, hängt vor allem von ozeanographischen Bedingungen ab – nicht davon, wo ihre Eltern gelebt haben.
Vererbt wird also nicht der Herkunftsort, sondern die genetische Ausstattung des Aals. Diese beeinflusst, welche Lebensräume später bevorzugt werden, wie stark der Aufstieg ins Süßwasser ausfällt und wie sich Wachstum und Geschlecht entwickeln. Die eigentliche „Auswahl“, welcher Aal in welchem Gewässer zurechtkommt, findet damit erst in Europa statt – nicht im Ozean.
Gerade daraus ergibt sich eine wichtige Konsequenz für den Besatz: Entscheidend ist weniger, aus welchem Land ein Glasaal stammt, sondern ob seine genetische und ökologische Veranlagung zu dem Gewässer passt, in das er eingesetzt wird.
Fazit: Verstehen statt verteilen
Der Aal ist kein Fisch, der sich einfach vermehren lässt, indem man ihn verteilt. Er ist ein Spezialist mit einem extrem komplexen Lebenszyklus. Wer ihm wirklich helfen will, muss diesen Zyklus berücksichtigen – auch wenn das bedeutet, lieb gewonnene Gewissheiten zu hinterfragen.
Besatz allein rettet keinen Aalbestand. Er kann im besten Fall ein Puzzleteil sein, wenn die Bedingungen stimmen. Die eigentliche Hilfe beginnt jedoch dort, wo Aale eine echte Chance haben, ihren Weg fortzusetzen. Weniger Aktionismus, dafür mehr Verständnis für die Biologie dieses außergewöhnlichen Fisches – vielleicht liegt genau darin der entscheidende Schritt.
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