Das Laichstadium der Aale (Rogen + Milch = Laich)

Ein Rätsel zwischen Wissenschaft und Mythos

Seit Jahrhunderten verschwinden Schiffe und Flugzeuge im Bermudadreieck – und ebenso verschwinden die europäischen Aale, wenn sie dorthin aufbrechen. Kein Taucher, kein Forschungsschiff hat je den Moment ihres Laichens gesehen. Nur eines steht fest: Irgendwo in der Tiefe der Sargassosee, wo das Meer unergründlich still ist, setzt sich ihr Lebenszyklus fort – verborgen, unentdeckt, vielleicht für immer.

Doch wie finden die Aale diesen Ort nach tausenden Kilometern Wanderung – ohne Kompass und ohne je zuvor dort gewesen zu sein?

Ein Meer ohne Küsten – das geheimnisvolle Laichgebiet

Die Fortpflanzung des Europäischen Aals (Anguilla anguilla) gehört zu den am wenigsten erforschten Prozessen der Fischbiologie. Keine direkten Beobachtungen, keine gefangenen Elterntiere – nur Indizien, Laborversuche und die Verteilung junger Larven geben Hinweise.

Das vermutete Laichgebiet, die Sargassosee, ist das einzige Meer der Erde ohne Küsten. Umgeben von Strömungssystemen wie dem Golfstrom, dem Nordäquatorialstrom und dem Antillenstrom, bilden frei treibende Sargassum-Algen ganze Unterwasserwälder – ein abgeschlossener Mikrokosmos inmitten des Atlantiks.

Erwachsene Blankaale erreichen diese Region nach einer bis zu 6.000 Kilometer langen Wanderung aus europäischen und nordamerikanischen Gewässern. Ab dem Abgrund des kontinentalen Plateaus verlieren sich ihre Spuren und die Abwandernden verschwinden auf Nimmerwiedersehen in die Tiefe der Dunkelheit. Die eingesetzten Sender halten weder den Druck der Tiefe stand, noch reicht ihre Reichweite aus. Daher wurde kein einziger Aal jemals beim Laichen in der Sargassosee beobachtet.

Vermutungen über Tiefe, Temperatur und Zeitraum

Auf Basis hormoneller Veränderungen und Fangdaten wird die Laichzeit auf den Zeitraum zwischen Dezember und Mai geschätzt.
Das Ablaichen selbst erfolgt vermutlich in 400 bis 700 Metern Tiefe, bei Temperaturen um 17 bis 20 °C.

Rogen – das schwebeleichte Wunder

Weibliche Aale entwickeln in ihren Eierstöcken bis zu 1–2 Millionen Eizellen je Kilogramm Körpergewicht. Mit 3,5–4 mm Durchmesser sind diese Eier ungewöhnlich groß.
Sie enthalten ölhaltige Tröpfchen, die den Auftrieb sichern. Dieses Öl verringert die Dichte der Eizellen, sodass sie in der Wassersäule schweben, statt abzusinken.

Diese Eigenschaft ist entscheidend:

  • Die Eier bleiben in der optimal temperierten Wasserschicht,
  • erhalten genügend Sauerstoff,
  • und werden durch Strömungen verbreitet.

Der hohe Fettanteil gilt als Anpassung an die sauerstoffärmeren Bedingungen der Tiefe – eine Überlebensstrategie, die Aale mit Hochseefischen teilen.

Milch – der flüchtige Moment des Lebens

Während der Laichzeit geben die männlichen Milchner ihre Milch nebelartig über die freigesetzten Eier ab.
Die Spermien sind nur wenige Minuten lebensfähig – das Zeitfenster für die Befruchtung ist extrem kurz. Nach der Vereinigung von Rogen und Milch entsteht der eigentliche Laich, der frei im offenen Wasser treibt.

Kurz darauf sterben die Elterntiere – allerdings wurde noch nie ein lebender und auch kein toter Blankaal in der Sargassosee gefunden. Ihr Lebenszyklus erfüllt sich aber definitiv mit der Weitergabe des Erbguts.

Offene Fragen und ökologische Risiken bei Forschung und künstliche Nachzucht

Trotz modernster Technik bleibt der natürliche Fortpflanzungsprozess unerreicht.
In Laborversuchen gelingt es, durch Hormonbehandlungen Aale zur Ei- und Spermaabgabe anzuregen.
Die Larven schlüpfen sehr schnell – schon 1-2 Tage nach der Befruchtung. Es funktioniert also im Labor, doch die meisten winzigen Larven überleben größtenteils nur wenige Tage.

Bis heute bleibt ungeklärt, wie sich Temperaturverschiebungen und Veränderungen der Meeresströmungen auf das Laichgeschehen in der Sargassosee auswirken.
Da das Reproduktionsgeschehen des Aals in einem eng definierten ökologischen Fenster abläuft, könnten bereits geringe Störungen den Fortpflanzungserfolg drastisch beeinträchtigen.

Auch die Trennung der Laichgebiete von Anguilla anguilla und Anguilla rostrata ist noch nicht abschließend geklärt – mit hoher Wahrscheinlich überschneiden sie sich teilweise räumlich und mit hoher Sicherheit auch zeitlich.

Fazit

Das ungelöste Geheimnis der Natur

Die Entstehung des Aal-Laichs bleibt eines der letzten großen Naturgeheimnisse.
Trotz Satelliten, Tiefseetechnik und Genanalysen konnte der Mensch nie beobachten, wie sich Rogen und Milch in der Sargassosee vereinen.
Alle heutigen Erkenntnisse beruhen auf Modellen, Wahrscheinlichkeiten und Indizien. Der Aal zeigt damit, dass selbst im 21. Jahrhundert nicht alles messbar oder kontrollierbar ist.
Er bleibt – inmitten moderner Forschung – ein Symbol für das Unergründliche.

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