Wie fein kann ein Lebewesen riechen?
Ist der Aal vielleicht der heimliche Weltmeister unter den Schnüfflern? Und wozu braucht ein Fisch überhaupt einen so ausgeprägten Geruchssinn? Wer sich intensiver mit Aalen beschäftigt, kommt schnell auf Fragen, die faszinierender kaum sein könnten. Während wir Menschen uns vor allem auf unsere Augen verlassen, spielen beim Aal andere Sinne eine viel größere Rolle. Gerade sein Riechen ist so ausgeprägt, dass man sich manchmal fragt: Gibt es überhaupt ein Tier, das diese Fähigkeit übertreffen könnte?
In diesem Beitrag geht es ausschließlich um den Geruchssinn des Aals – seine Anatomie, seine Funktionsweise, seine Bedeutung für Nahrungssuche und Wanderungen und die vielen Rätsel, die er bis heute in der Forschung aufwirft.
Warum Aale ihren Geruchssinn so dringend brauchen
Während des Aufenthaltes an den Küsten und im Süßwasser können Aale nur auf relativ kurze Distanz und nur mäßig gut sehen. Ihre Augen sind für ein Leben in der Dunkelheit angepasst, liefern aber keine Bilder, wie wir sie kennen. Deshalb orientieren sich Aale bei der Nahrungssuche lieber mit anderen Fähigkeiten – vor allem mit Hilfe der Seitenlinie und ihrem unübertroffenen Geruchssinn.
Die Seitenlinie selbst, ein weiteres wichtiges Sinnesorgan, verdient natürlich einen eigenen Beitrag unter den Aalexperten. Hier soll es aber vor allem um die Nase der Aale gehen. Denn dieser Sinn ist es, der sie nicht nur zu erfolgreichen Jägern macht, sondern ihnen möglicherweise auch beim Überleben in einer sich verändernden Umwelt hilft.
Anatomie der Aal-Nase: Ein besonderes Geruchsorgan
Aale besitzen zwei paarige Riechkanäle. Ihre vorderen Öffnungen stehen zapfen- bis rüsselförmig vom Oberkiefer ab, wodurch sie leicht erkennbar sind. Der Clou: Im Gegensatz zu vielen anderen Fischen liegt die hintere Öffnung nicht direkt daneben, sondern erst kurz vor den Augen. Dieses anatomische Detail ermöglicht es den Aalen, sozusagen stereoskopisch zu riechen – ähnlich wie wir Menschen räumlich sehen können.
Die eigentliche Geruchswahrnehmung erfolgt im sogenannten Jakobsonschen Organ, das sich im Rachen der Aale befindet. Dieses Organ ist auch von Reptilien und Schlangen bekannt, die ebenfalls auf chemische Reize spezialisiert sind. In Kombination mit einer extrem hohen Anzahl an Geruchsrezeptoren entsteht ein Sinn, der in der Tierwelt seinesgleichen sucht.
Weltmeister im Riechen – besser als Hunde?
Oft wird behauptet, der Hund sei das Tier mit dem besten Geruchssinn. Doch das stimmt nicht. Kein anderes Lebewesen, auch nicht der Hund, ist in der Lage, so geringe Duftspuren wahrzunehmen wie der Aal.
Ein Beispiel verdeutlicht das: Wenn man 1 cm³ Rosenöl (etwa die obere Hälfte eines Ü-Ei`s voll) mit der ca. 60-fachen Wassermenge des Bodensees vermischen würde, könnte der Aal dies noch wahrnehmen. Mit anderen Worten: Er ist in der Lage, einzelne Duftmoleküle zu erfassen. Wer sich das bewusst macht, versteht schnell, warum man Aale durchaus als Weltmeister im Riechen bezeichnen kann.
Orientierung im Duftnebel – der Zickzackkurs der Aale
Duftstoffe breiten sich im Wasser nicht geradlinig aus. Stattdessen verteilen sie sich unterschiedlich schnell, in verschiedenen Konzentrationen und Richtungen. Einem Geruch „wie am Schnürchen“ zu folgen, ist also unter Wasser unmöglich.
Der Aal nutzt deshalb das sogenannte Ausschlussprinzip. Er schwimmt einer Duftströmung zwar entgegen, aber nicht direkt, sondern in einem Zickzackkurs. Verliert er die Spur, ändert er seine Richtung um 45 bis 90 Grad, bis er sie erneut kreuzt. Auf diese Weise tastet er sich langsam, aber sicher zur Quelle vor. Eine clevere Strategie, die eindrucksvoll zeigt, wie perfekt die Sinne dieses Tieres auf seine Lebensumstände angepasst sind.
Jahreszeitliche Unterschiede – riecht der Aal nicht immer gleich gut?
Interessant ist, dass der Geruchssinn der Aale offenbar nicht immer gleich stark ausgeprägt ist. Wissenschaftlich bewiesen ist, dass Aale besonders gut in den Monaten Februar bis April sowie im Juli und August riechen. Am schlechtesten funktioniert ihr Riechen dagegen von Oktober bis Dezember.
Ich persönlich halte es für wahrscheinlich, dass diese Unterschiede nicht direkt im Tier selbst liegen, sondern an den Umweltbedingungen. Je nach Temperatur lösen und verbreiten sich Geruchsstoffe im Wasser nämlich unterschiedlich stark. Damit würde erklärt, warum die „Nasenleistung“ des Aals saisonal variiert.
Orientierung im Revier – nicht nur beim Fressen wichtig
Der ausgezeichnete Geruchssinn hilft Aalen nicht nur bei der Nahrungssuche. Auch zur Orientierung im Nahbereich nutzen sie ihre Nase. Das ist besonders wichtig, da viele Aale eine gewisse Standorttreue zeigen und sich in ihrem Revier zurechtfinden müssen.
Immer wieder liest man die Behauptung, Aale könnten mithilfe ihres Geruchsinns die Laichplätze in der Sargassosee wiederfinden. Das ist jedoch aus meiner Sicht falsch. Im offenen Ozean gibt es keine stabilen Strömungen, die eine Duftspur dorthin tragen könnten. Hierzu existiert beim Aal ein anderer Sinn.
Die Sache mit den Glasaalen – können sie Flüsse „riechen“?
Mit äußerster Vorsicht lässt sich allenfalls vermuten, dass Glasaale beim Aufstieg in die Flüsse Geruch als Orientierung nutzen – ähnlich wie Lachse. Aber wie könnte das funktionieren? Sollten die Jungtiere tatsächlich eine Art „genetische Duftinformation“ mitbekommen, stellt sich sofort die Frage: von wem? Vom Muttertier, vom Vatertier oder von beiden?
Hinzu kommt, dass junge Aale bis zu einer Länge von etwa 18 cm geschlechtslos sind. Damit ist die Vorstellung, dass ein spezifischer elterlicher Geruch weitergegeben wird, schwer vorstellbar. Vielleicht ist die Frage auch schlicht irrelevant, da Glasaale grundsätzlich von jedem Süßwasser angelockt werden.
Wasserqualität, pH-Wert und Lockstoffe
Spannend ist, dass die Lockwirkung verschiedener Gewässer auf Aale unterschiedlich stark ist. So hat Trinkwasserqualität keinerlei Lockwirkung – im Gegenteil: Ein höherer Nährstoffgehalt und bestimmte chemische Eigenschaften machen ein Gewässer für Aale attraktiver.
Nachweislich spielen dabei auch pH-Werte eine Rolle. Höhere Werte haben eine bessere Lockwirkung. Auch Duftstoffe älterer Aale scheinen wichtig zu sein – je mehr Tiere in einem Gewässer leben, desto attraktiver ist es für junge Aale.
Untersuchungen zu den chemischen Zusammensetzungen typischer Beutetiere zeigen, dass Aminosäuren eine wesentliche Rolle spielen könnten. Lockstoffe wurden ebenfalls getestet, doch viele führten zu keinen besonderen Ergebnissen. Eine absolut eindeutige Ausnahme: das Drüsensekret einer afrikanischen Schleichkatze, das tatsächlich eine nachweisbare und extreme Lockwirkung hatte – allerdings auch extrem teuer.
Gerüche, die Aale vertreiben
Nicht nur Anziehung, auch Abschreckung durch Gerüche wurde untersucht. Neben Dieselbenzin, Ammoniak und Konservierungsmitteln zeigte auch Nikotin eine messbare Scheuchwirkung auf Aale. Das bedeutet: Rauchen am Angelplatz ist für den Fangerfolg nicht gerade hilfreich – eine Erkenntnis, die eigentlich jede Diskussion überflüssig machen sollte.
Geruch, Fortpflanzung und das große Rätsel der Sargassosee
Das größte Geheimnis der Aale bleibt ihre Fortpflanzung in der Sargassosee. Auch der Geruchssinn liefert hier spannende Ansätze. Forscher fanden heraus, dass Aale offenbar riechen können, wann die Zeit zum Abwandern gekommen ist.
Experimente mit hormonell behandelten und unbehandelten Tieren zeigten: Irgendetwas im Wasser löst die Entwicklung der Geschlechtsorgane aus – möglicherweise ein Pheromon. Dieses Signal sorgt dafür, dass ganze Aalpopulationen gleichzeitig mit der Wanderung beginnen.
Ob dadurch auch die Synchronität der Ankunft in der Sargassosee gewährleistet wird, bleibt reine Spekulation. Klar ist nur: Der Geruchssinn spielt auch hier eine Schlüsselrolle.
Neueste Erkenntnisse aus Wissenschaft und Forschung
Wenn man denkt, dass zum Geruchssinn der Aale schon alles gesagt sei, täuscht man sich. In den letzten Jahren haben Wissenschaftler nämlich noch einmal genauer hingeschaut – und zwar nicht nur auf das Verhalten, sondern bis hinein in die Gene und Rezeptoren der Aale.
Geruchsrezeptoren verändern sich je nach Lebensphase
Moderne Sequenzanalysen haben gezeigt, dass der Aal nicht nur über eine gewaltige Anzahl von Geruchsrezeptoren verfügt, sondern dass manche davon phasenweise unterschiedlich stark genutzt werden. Interessant ist, dass vor allem geschlechtsreife Tiere bestimmte Rezeptoren deutlich intensiver exprimieren. Heißt das, dass Aale ihren Geruchssinn je nach Lebensabschnitt regelrecht „umprogrammieren“? Zumindest scheint es so, denn bei reifen Männchen wurden einzelne Rezeptortypen gefunden, die vermutlich speziell für Fortpflanzungssignale oder Pheromone wichtig sind. Für mich klingt das wie ein weiterer Beweis dafür, dass der Geruchssinn nicht nur Jagdwerkzeug, sondern auch Navigations- und Kommunikationsmittel im Lebenszyklus des Aals ist.
Bewegung beeinflusst Duftspuren im Wasser
Ein weiterer spannender Ansatz kommt aus der Strömungsforschung. Hier wurde untersucht, wie sich Duftstoffe im Wasser verteilen, wenn ein Fisch schwimmt. Bei Aalen, die sich in typischer Schlängelbewegung fortbewegen, entstehen durch die Körperwellen breitere und langlebigere Duftspuren. Anders gesagt: Der Aal verwirbelt beim Schwimmen selbst die Umgebung so, dass Geruchssignale länger erhalten bleiben und sich in einem breiten Feld ausbreiten. Plötzlich wirkt der Zickzack-Kurs, den Aale bei der Spurensuche einschlagen, noch logischer – sie arbeiten nicht gegen die ungleichmäßige Verteilung der Duftstoffe, sondern nutzen ihre eigene Fortbewegung, um die Spuren überhaupt auffindbar zu machen.
Pheromone und Wanderung – ungelöste Rätsel
Auch beim Thema Fortpflanzung wird weiter geforscht. Es gibt Hinweise, dass Aale auf bestimmte Duftstoffe von Artgenossen reagieren, ähnlich wie Lachse auf ihren Heimatfluss geprägt sind. Forscher konnten zeigen, dass die Geschlechtsreife durch bislang unbekannte Stoffe im Wasser ausgelöst werden kann – vielleicht ein Pheromon, das nur von reifen Aalen abgegeben wird. Noch ist der konkrete Stoff nicht gefunden, aber wenn es ihn wirklich gibt, könnte er die Erklärung sein, warum ganze Aalbestände fast zeitgleich zur Wanderung aufbrechen. Für die Praxis der Bestandserhaltung wäre das ein echter Schlüsselreiz.
Offene Fragen bleiben
Die Forschung kratzt damit gerade erst an der Oberfläche. Ob Geruchsstoffe tatsächlich eine Art „Startsignal“ für die Massenwanderung in die Sargassosee sind? Oder ob die genetische Ausstattung der Aale den entscheidenden Hinweis gibt, welchen Fluss oder welches Gewässer Glasaale später auf ihrem Weg bevorzugen? Noch gibt es keine eindeutige Antwort. Aber eines ist klar: Der Geruchssinn des Aals ist komplexer, als man lange dachte, und wahrscheinlich mit vielen geheimen Funktionen verknüpft, die wir erst nach und nach verstehen werden.
Fazit
Der Geruchssinn des Aals ist weit mehr als nur ein Werkzeug zur Nahrungssuche. Er dient der Orientierung, beeinflusst die Wanderungen und ist möglicherweise sogar ein Schlüsselreiz für Fortpflanzung und Bestandserhalt. Auch wenn wir vieles über die unglaubliche Sensibilität der Aale inzwischen wissen, bleibt manches im Dunkeln – und genau das macht ihren Mythos bis heute aus.
Spannend ist, dass moderne Forschung immer neue Facetten aufzeigt: von genetisch gesteuerten Rezeptoren über strömungsbedingte Duftspuren bis hin zu der Vermutung bislang unbekannter Pheromone. All das deutet darauf hin, dass der Aal seine „feine Nase“ noch vielseitiger einsetzt, als wir es uns bislang vorstellen konnten. Am Ende bleibt also die Erkenntnis: Der Aal riecht nicht nur besser als jedes andere Lebewesen, er macht mit diesem Sinn auch Dinge möglich, die wir gerade erst beginnen zu verstehen. Und vielleicht liegt genau darin ein Stück Hoffnung für den Schutz dieser faszinierenden Fischart – im Geruch verborgen, den nur er so fein wahrzunehmen vermag.
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