Der passive Elektro-Ortungssinn der Aale

Ein unsichtbarer Sinn in einer elektrischen Welt

Aale sind Meister der Wahrnehmung. Neben Geruch, Geschmack, Sehen, Hören und Tasten verfügen sie über mehrere zusätzliche Sinne, die sie für ihr verborgenes Leben im Dunkel der Gewässer benötigen. Einer davon ist der passive Elektro-Ortungssinn – ein kaum sichtbarer, aber hochsensibler Orientierungssinn, der auf elektrischen Feldern beruht.

Während andere Tiere elektrische Felder aktiv erzeugen, um damit ihre Umgebung abzutasten, können Aale dies nicht. Sie gehören zu den Fischen, die äußere, bereits vorhandene elektrische und elektromagnetische Felder wahrnehmen. Dazu zählen Felder, die durch natürliche Vorgänge im Meer entstehen – etwa durch die Bewegung leitfähigen Salzwassers im Erdmagnetfeld – ebenso wie jene, die von Lebewesen, Stromleitungen oder Schiffen ausgehen.

Ihre Haut und das Seitenlinienorgan enthalten empfindliche Elektrorezeptoren, die Spannungen von nur wenigen Hundertstel Millivolt pro Meter registrieren können. Damit nimmt der Aal feinste Unterschiede wahr, die anderen Tieren völlig entgehen.

Orientierung ohne Kompassnadel

Diese elektrische Sensibilität ermöglicht dem Aal, sich auch dort zu orientieren, wo Licht, Sicht oder Geruchssignale versagen. Besonders während der Wanderungen in der Tiefe des Ozeans oder in trübem Süßwasser könnten die elektrischen Felder der Strömungen, Meeresbodenstrukturen oder gar der Erdmagnetismus selbst eine Rolle spielen.

Forscher gehen davon aus, dass Aale schwache elektrische Felder zur passiven Ortung von Strömungsrichtungen und Materialunterschieden im Untergrund nutzen. Manche Beobachtungen legen nahe, dass sie damit auch die großen ozeanischen Strömungen aufspüren, die sie während ihrer Wanderung in Richtung Sargassosee mittragen.

Der passive Elektroortungssinn steht in enger Verbindung zum magnetischen Sinn, über den Aale vermutlich zusätzlich Informationen zur Richtung gewinnen. Beide Sinne ergänzen sich möglicherweise gegenseitig – der eine erkennt elektrische Veränderungen, der andere magnetische Gradienten. Diese Doppelfunktion könnte erklären, weshalb Aale auch über tausende Kilometer hinweg erstaunlich präzise navigieren.

Zwischen Forschung und Vermutung

Obwohl es klare Hinweise gibt, dass Aale elektrische Felder wahrnehmen können, sind die genauen Zusammenhänge noch unzureichend erforscht. In Untersuchungen im Auftrag des Bundesamtes für Strahlenschutz wurde festgestellt, dass europäische Aale elektrische Felder wahrnehmen können.

Andere Experimente deuten an, dass Aale elektrische Felder nicht nur wahrnehmen, sondern sich gezielt dazu ausrichten können. In Versuchen reagierten sie mit Richtungsänderungen, wenn elektrische Felder umgepolt wurden. Auch eine Verlangsamung des Herzschlags (Bradykardie) wurde bei geringen Feldstärken beobachtet – ein physiologischer Hinweis auf Reizwahrnehmung.

Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass elektromagnetische Einflüsse langfristig subtile Verhaltensänderungen bewirken. Insbesondere mit dem Ausbau der Offshore-Windenergie und der zunehmenden Verlegung von Seekabeln sollte dieser Aspekt künftig sorgfältiger untersucht werden.

Bei Feldversuchen mit Starkstromkabeln im Ostseeraum, insbesondere am Baltic Cable, zeigten wandernde Aale teils deutliche Kursabweichungen, die auf Reaktionen gegenüber elektromagnetischen Feldern hindeuten. Dennoch überquerten die meisten Tiere die Kabel, ohne dass eine dauerhafte Barrierewirkung beobachtet wurde.

Auch Laborversuche mit amerikanischen Jungaale (Anguilla rostrata) deuten darauf hin, dass Aale elektrische Felder zur Orientierung nutzen könnten. Sie reagierten ebenfalls auf geringe Feldstärken, indem sie sich zur Anode hin ausrichteten. Diese Fähigkeit wäre für Wanderungen über den Atlantik – etwa zur Sargassosee – ein logischer Bestandteil ihres Orientierungsvermögens.

Die bisherigen Ergebnisse lassen zumindest annehmen, dass Aale ein multifaktorielles Orientierungssystem besitzen, das auf elektrischen, magnetischen und strömungsbedingten Reizen basiert. All dies deutet auf eine komplexe Kombination aus verschiedenen Sinnesleistungen hin, die ein einzelner Faktor allein nicht erklären kann.

Ein multifaktorielles Navigationssystem

Aale reagieren auf verschiedenste Umweltreize: Glasaale, die in Flussmündungen aufsteigen, zeigen negative Phototaxis, also Lichtflucht, während Gelbaale im Süßwasser positiv rheotaktisch gegen die Strömung schwimmen. Blankaale hingegen verhalten sich aber negativ rheotaktisch, folgen also der Strömung – ein Hinweis auf unterschiedliche Steuermechanismen in den Lebensphasen.

Daraus ergibt sich ein multifaktorielles Orientierungssystem, das sich nicht allein auf einen Sinn stützt, sondern auf das komplexe Zusammenspiel von Magnetfeld, elektrischer Wahrnehmung, Strömung, Licht und Temperatur. Der passive Elektroortungssinn bildet darin ein fein abgestimmtes Element – kein Kompass im klassischen Sinn, sondern ein elektrisches Gespür für die unsichtbare Struktur der Umwelt.

Energiewende unter Wasser – offene Fragen für den Aal

Die fortschreitende Nutzung der Meeresräume durch Offshore-Windparks und Seekabel verändert den Lebensraum vieler wandernder Fischarten – darunter auch den Aal. Während über Land jedes Bauprojekt mit detaillierten Umweltgutachten bis hin zur Farbe eines Gartenzauns begleitet wird, liegen für die elektromagnetischen Felder und sonstigen Einflüsse unter Wasser bislang keine belastbaren Langzeitdaten vor.

Zwar existieren erste Untersuchungen zu den elektromagnetischen Feldern von Hochspannungskabeln, doch diese konzentrieren sich meist auf lokale Effekte oder kurzzeitige Verhaltensbeobachtungen. Ob und wie Aale auf ihrem tausende Kilometer langen Weg in die Sargassosee tatsächlich beeinflusst werden – etwa durch Richtungsänderungen, Energieverbrauch oder Orientierungsprobleme – ist nach wie vor unklar.

Eine umfassende „Unbedenklichkeitsbescheinigung“ für Windparkgebiete gibt es bislang nicht. Gründe dafür sind die enorme Komplexität mariner Systeme, der hohe Aufwand langfristiger Messungen und ein regulatorisches Defizit: Monitoring ist zwar vorgeschrieben, aber nicht in einer Form, die kausale Zusammenhänge eindeutig belegen könnte.

Hinzu kommen weitere Umweltfaktoren, deren Auswirkungen kaum untersucht sind – etwa der Mikroabrieb aus Rotorblättern und die Veränderung der Sedimentstruktur durch die Verlegung von Kabeln und Fundamenten. Für den Aal, dessen Wanderung empfindlich auf magnetische, chemische und thermische Reize reagiert, könnten solche Einflüsse das Navigationssystem zusätzlich stören.

Angesichts der Vielzahl geplanter Windparks mit hunderten Anlagen stellt sich die Frage, warum es trotz dieser massiven Eingriffe in sensible Lebensräume noch keine unabhängige, öffentlich zugängliche Langzeitstudie gibt, die die Auswirkungen auf wandernde Fischarten eindeutig bewertet. Der wissenschaftliche und politische Handlungsbedarf ist offensichtlich.

Fazit

Der passive Elektroortungssinn des Aals bleibt eines der geheimnisvollsten Kapitel in der Sinneswelt dieser Fische. Er verbindet elektrische, magnetische und strömungsbedingte Reize zu einem feinen System der Orientierung, das noch längst nicht vollständig verstanden ist. Während erste Experimente Hinweise liefern, wie empfindlich Aale auf elektrische Felder reagieren, zeigen die Lücken in der Forschung, dass viele Fragen offenbleiben – besonders angesichts der zunehmenden technischen Nutzung der Meere.
Vielleicht ist es gerade dieser kaum greifbare Sinn, der dem Aal erlaubt, seit Jahrtausenden seine erstaunlichen Wanderungen erfolgreich zu bestehen – solange der Mensch ihm dafür noch die nötige Ruhe lässt.

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