Ein Sinn mit vielen Facetten
Sind Aale Feinschmecker? Wohl kaum im menschlichen Sinn – doch ihr Geschmackssinn ist ein wahres Wunderwerk. Während wir Menschen Geschmack fast ausschließlich über die Zunge wahrnehmen, verfügen Aale über ein hochentwickeltes Netzwerk an Geschmacksknospen, das weit über den Mund hinausreicht. Selbst auf den Lippen, am Kopf und entlang des ganzen Körpers sitzen Sinneszellen, die chemische Reize aus dem Wasser aufnehmen können. Damit erschließen sich Aale Nahrungsquellen, die für andere Fische verborgen bleiben – und sie können blitzschnell zwischen frisch und verdorben unterscheiden.
Geschmack in jeder Pore – die besondere Ausstattung der Aale
Aale besitzen mehrere tausend Geschmacksknospen, die am und im Körper verteilt sind. Diese flächendeckende Ausrüstung erlaubt es ihnen, selbst kleinste Konzentrationen von Aminosäuren oder anderen Stoffen wahrzunehmen, die von potenzieller Beute ausgehen. Besonders im trüben Wasser oder in der Nacht, wenn die Augen kaum helfen, ist dieser chemische Sinn unverzichtbar. Man könnte sagen: Der Aal „erschmeckt“ seine Umwelt, bevor er sie sieht oder ertastet.
Orientierung und Nahrungssuche im Dunkeln
Die meiste Zeit sind Aale in Dämmerung und Dunkelheit aktiv. Während andere Fische auf Sicht angewiesen sind, gleitet der Aal durch Schlick und Pflanzen, immer gelenkt von seiner feinen Sinnesausstattung. Der Geschmackssinn liefert ihm dabei entscheidende Informationen: Er verrät, ob in der Nähe ein Wurm im Sand steckt, ob eine Muschel geöffnet ist oder ob Insektenlarven im Schlamm sitzen. Selbst feinste chemische Spuren genügen, um den Aal zur Beute zu führen – eine perfekte Anpassung an sein verstecktes und nachtaktives Leben.
Kein Aasfresser – aber ein wählerischer Allesfresser
Oft hört man die Behauptung, Aale seien Aasfresser. Doch das ist ein Irrtum, der sich seit Jahrhunderten hartnäckig hält. Zwar registrieren die Geschmacksknospen auch chemische Verbindungen, die beim Zersetzungsprozess entstehen. Aber das heißt nicht, dass Aale verwesende Nahrung gern aufnehmen – im Gegenteil. Alles, was nicht frisch ist, wird in der Regel konsequent gemieden.
Wie kam es dann zu diesem Missverständnis? Vermutlich durch ungenaue Beobachtungen. Aale nahmen schon immer frische Schlachtabfälle wie Hühnerdarm oder Leber an – Köder, die Angler bis heute erfolgreich einsetzen. Diese wurden aber oft vorschnell als „Aas“ bezeichnet. Tatsächlich jedoch frisst der Aal weder an Wasserleichen noch an stark verwesendem Material. Stattdessen nutzt er solche Gelegenheiten höchstens, um einen Unterschlupf zu finden. Damit wird deutlich: Der Aal ist zwar ein Allesfresser mit breiter Nahrungspalette, aber er bleibt wählerisch und bevorzugt frische Beute.
Die feine Balance zwischen Chance und Risiko
Der Geschmackssinn erfüllt für Aale nicht nur die Funktion einer „Nahrungssonde“. Er schützt sie auch vor Gefahren. Bitterstoffe oder ungewohnte Substanzen signalisieren dem Fisch, dass eine vermeintliche Beute ungenießbar oder gar giftig sein könnte. So trägt dieser Sinn zu einer hohen Überlebensfähigkeit bei. Die feine Balance zwischen „Chance nutzen“ und „Risiko meiden“ macht den Aal zu einem überaus erfolgreichen Jäger – und erklärt, warum er in so unterschiedlichen Lebensräumen überleben kann.
Wissenschaft und Forschung
Aktuelle Studien beschäftigen sich mit der molekularen Ausstattung der Aale. Dabei zeigt sich, dass ihre Geschmacksknospen auf eine Vielzahl an chemischen Reizen reagieren – insbesondere auf freie Aminosäuren, die von frisch verletzter Beute ins Wasser abgegeben werden. Japanische und europäische Forscher konnten nachweisen, dass selbst winzige Konzentrationen dieser Stoffe eine starke Aktivität im Nervensystem auslösen. Dies bestätigt, dass Aale nicht wahllos fressen, sondern eine feine „chemische Sprache“ verstehen, die ihnen Auskunft über Frische, Qualität und Art der Nahrung gibt.
Fazit
Ein unsichtbarer Helfer im Alltag des Aals. Der Geschmackssinn macht den Aal nicht zum Feinschmecker im menschlichen Sinn – doch er ist einer seiner wichtigsten Helfer im Alltag. Er ermöglicht Orientierung im Dunkeln, schützt vor Gefahren und macht den Aal zu einem wählerischen, aber erfolgreichen Allesfresser. Vor allem räumt er mit einem Mythos auf: Der Aal ist kein Aasfresser, sondern ein sensibler Jäger, der Frische zu schätzen weiß. Wer also verstehen will, wie Aale leben und fressen, sollte diesen verborgenen, aber mächtigen Sinn nicht unterschätzen.
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